Matyas Sagi-Kiss (Wirtschaftsjurist FH, Vorstand von Pro Infirmis Schweiz) wohnt im Zollhaus der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, lebt seit Geburt mit Cerebral Parese und fährt eine Elektro Rollstuhl. In dieser 6-teilige Kolumne lädt er zu einem Perspektivenwechsel ein.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung ist kein Hobby oder eine Art Ablenkung vom Leben. Sie ist für Menschen mit Behinderungen oft eine unangenehme Erkenntnis, wenn sie realisieren, dass es ihnen selbst schadet, das Thema auszublenden – auch wenn es auf den ersten Blick als patente Lösung zur Psychohygiene erscheint. Wenn uns also der Vorwurf erreicht, wir würden uns deshalb so eingehend mit dem Thema befassen, weil wir mit dem Leben als solchem nicht klarkommen würden, so ist dies zutiefst menschenfeindlich.
Denn es ist nicht so, dass wir uns freiwillig den Themen Barrierefreiheit, Gleichstellung oder Inklusion verschrieben haben. Es geschieht zum einen wegen eigener Erfahrungen und der daraus gewonnenen Erkenntnisse und zum anderen, weil wir – die mit Behinderung leben und glücklicherweise die Kraft haben, uns zu engagieren – uns verpflichtet fühlen, auf diesbezügliche Missstände hinzuweisen.
Eine tatsächliche Diskrepanz besteht häufig zwischen der Wahrnehmung von Menschen ohne Behinderung und jener von Menschen mit Behinderung. Während von uns Menschen mit Behinderungen oft Dankbarkeit und Geduld erwartet wird, sind wir häufig erschöpft und entnervt, wenn wir selbst nach Jahrzehnten des Kampfes für Chancengerechtigkeit und Zugänglichkeit mit solchen Erwartungen konfrontiert sind.
Wir sind nicht gegen schönes Design oder Denkmalschutz, sondern für ein gemeinsames Vorgehen mit dem eindeutigen Ziel des gleichwertigen Zugangs zu Arbeitsleben, Freizeitveranstaltungen, Wohnraum etc. Es wird uns oft entgegengehalten, dass wir mit unseren „Interessen“ eben nur eine Gruppe von vielen anderen seien. Was meist unterschlagen wird, ist, dass es bei unseren Bedürfnissen nicht um ein Bedürfnis geht, das in unserer Hand liegt – es ist vielmehr unveränderlich.
Wir können nicht entscheiden, ob wir zu Fuss, mit dem öffentlichen Verkehr oder mit dem Fahrrad unterwegs sein wollen. Wir müssen je nach Behinderung mit weissem Stock, Rollstuhl oder zum Beispiel dem Rollator unterwegs sein, um uns überhaupt fortbewegen zu können. Jede Person, die sich tatsächlich auf diesen Blick auf unsere gestaltete Umwelt einlässt, erkennt zwangsläufig, dass wir alle im Verlauf eines Menschenlebens voraussichtlich von einer barrierefreien Umgebung und damit einhergehend von Design for All profitieren.
Der Widerstand gegen entsprechende Entwicklungen ist leider immer noch spürbar; er zwingt uns Menschen mit Behinderung zum Aktivismus. Vielmehr ist dieser besagte Widerstand eine Art, wie die Mehrheit ohne Behinderung damit umgeht und gleichzeitig ausblendet, dass sie, die Mehrheit, per Zufall „der Norm“ ohne Behinderung entspricht. Sie verhindert so nicht selten, dass die Vielfalt der Menschen – und dazu gehören auch Menschen mit Behinderung – als Teil dieser Vielfalt erkannt und positiv konnotiert wird.
Lassen Sie uns gemeinsam an einer inklusiven Zukunft arbeiten. Mehr dazu finden Sie hier.
