Sind Architektur und Design politisch?

Matyas Sagi-Kiss (Wirtschaftsjurist FH, Vorstand von Pro Infirmis Schweiz) wohnt im Zollhaus der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, lebt seit Geburt mit Cerebral Parese und fährt eine Elektro Rollstuhl. In dieser 6-teilige Kolumne lädt er zu einem Perspektivenwechsel ein.

Der Sommer naht und damit für viele Menschen auch der Gedanke an Ferien. Nichts ist schöner als die Vorfreude. Für Menschen mit Behinderungen ist die Vorfreude etwas getrübt. Getrübt, wieso? Aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist das Reisen mit Behinderung aufgrund der dafür erforderlichen, nicht enden wollenden Recherchen in Bezug auf die Barrierefreiheit von Transportmitteln, Hotels und ganz grundsätzlich den Feriendestinationen zeitaufwendig und zum anderen, weil ein Grossteil von Menschen mit Behinderungen sich keine Ferien leisten können. Hinzu kommt die Tatsache, dass Barrierefreiheit ungerechterweise oft mit einem höheren Preisschild versehen ist, denn Barrierefreiheit und Design für alle sind leider alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Preisgünstige, barrierefreie Erholungsmöglichkeiten gibt es wenige. Zumindest nicht solche, die Menschen mit Behinderungen selbstständig bzw. nicht in einem besonderen Rahmen – wie Gruppenreisen für Menschen mit Behinderungen – wahrnehmen können.

Selbst gewöhnliche Ferien sind ein Luxus, denken vielleicht einige. Relativ gesehen stimmt das. Wenn wir uns allerdings die Frage stellen, ob Menschen ohne Behinderung sich im Zusammenhang mit ihren Ferien und den damit zusammenhängenden Anforderungen an den Zugang den de facto moralischen Zeigefinger ebenfalls gefallen lassen müssen, können wir diese in aller Regel getrost mit Nein beantworten. Denn Menschen ohne Behinderung können, wenn sie dies wünschen oder aufgrund des Budgets müssen, stets das günstigste Angebot wählen.

Kürzlich sass ich dank meines mir erstrittenen höhenverstellbaren Elektrorollstuhls an einer Bar und kam mit anderen Gästen ins Gespräch. Im Zuge der Unterhaltung kamen wir auf das Thema Sozialversicherungen und die Tatsache, dass mein Rollstuhl von der staatlichen Invalidenversicherung bezahlt worden ist. „Das ist aber toll,“ meinte das Gegenüber. „Ihnen scheint es gut zu gehen, wenn ich mir Ihren Kaschmirpullover so ansehe… das freut mich.“

Was hätte ich denn machen sollen, wenn mir die „Invalidenversicherung“ (ein Graus von einem Namen) den Rollstuhl in dieser Form nicht bezahlt hätte? Etwa ins Büro und an meine externen Termine fliegen? Gehen kann ich offensichtlich nicht. Hätte ich alle meine externen Termine absagen müssen, bloss weil sie keinen höhenverstellbaren Schreibtisch für mich bereithalten?

Und dann mein geliebter blauer Kaschmirpullover. Wieso muss sich ein Mensch mit Behinderung einen Vorwurf gefallen lassen, wenn er sich einen Kaschmirpullover leisten will? Etwa weil er den Rollstuhl von der Versicherung bezahlt bekommt? Ich finde nicht. Dem Herrn an der Bar gebe ich auf diesem Weg einen Rat: Get a life.

Kürzlich habe ich eine Rede zum europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung gehalten. Ich habe dazu aufgerufen, die uns anerzogene Bescheidenheit über Gebühr, welche vielen von uns eingebläut wird, zu verlernen. Was wunderbar zu dieser Anekdote passt. Wir müssen nämlich nicht besser, bescheidener und netter sein als Menschen ohne Behinderung.  

Lassen Sie uns gemeinsam an einer inklusiven Zukunft arbeiten. Mehr dazu finden Sie hier.

 

 

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