„Architektur ist eine Form des Widerstands und zugleich eine Form der Hoffnung auf die Zukunft.“ (Ludovica Molo) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.
Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Zurzeit bin ich – wie beinahe immer – auf mehreren Ebenen gleichzeitig und stets mit dem Geist der Aktivistin oder der Vermittlerin aktiv. So setze ich mich einerseits über das Institut i2a, das ich im Tessin leite, und durch die zahlreichen Organisationen, denen ich angehöre, als Förderin der Kultur ein. Andererseits widme ich mich zudem mit grosser Begeisterung einigen Projekten unseres Büros – momentan insbesondere den öffentlichen Räumen der Stadt Locarno. Es handelt sich hier um ein Wettbewerbsprojekt, das wir vor einigen Jahren gewonnen haben und das nun in Richtung Ausführung geht. Der wichtigste Aspekt dieses Projekts ist, durch eine Neuinterpretation des Stadtraums und seiner historischen Schichten ein Gleichgewicht zwischen den einzelnen Elementen wiederherzustellen und damit einem so zentralen Ort für die Stadt und ihren Bewohner:innen eine neue, übergreifende Schönheit zu verleihen. Was mich dabei besonders fasziniert, ist die Vorstellung, mit wenigen, gezielten Eingriffen sehr viel verändern zu können: Die Idee, den Boden selbst als Gestaltungsmaterial zu begreifen – Asphalt zu entfernen, neue Bodenbeläge zu erproben, Übergänge zwischen verschiedenen Materialien neu zu definieren, Bäume zu pflanzen und Wasserflächen zu integrieren –, um Leben dorthin zurückzubringen, wo zuvor das Auto dominierte. So entsteht eine Reihe öffentlicher Räume, die einerseits in Kontinuität mit der Geschichte der Stadt stehen und die sich gleichzeitig für neue Nutzungen und neue Formen der Begegnung öffnen.
Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Ich liebe die Architektur zutiefst und begeistere mich für ihre unterschiedlichsten Formen und Ausdrucksweisen. Sei es ein junger Architekt, der unscheinbare Gebäude in einem alten Dorfkern eigenhändig wiederaufbaut; eine abgelegene Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, die während Jahrhunderten eine Gemeinschaft zusammenhält; ein Wohnhaus aus den 1950er-Jahren, entworfen von einem Pionierpaar der modernen Architektur; Trockenmauern, die wiederaufgebaut wurden, um einen alten, wiederentdeckten Weg zu erschliessen oder ein radikal-urbanes, innovatives Wohnhaus, das eine typologische Erfindung in sich birgt. Für mich ist Architektur dort, wo, mit Sorgfalt für den Ort, Menschen zugehört wird und Respekt vor der Geschichte spürbar ist. Orte, wo somit durch einen kleinen oder grossen Eingriff ein Lebensraum geschaffen wird.
Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Heutzutage werden Bauweisen zum Teil als Reaktion auf den Klimawandel und der Ressourcenknappheit infrage gestellt und zum anderen vielleicht, um eine lokale Verwurzelung wiederzufinden – als Gegenbewegung zur Banalisierung und Globalisierung. In der Schweiz erleben wir gerade eine grosse Aufbruchstimmung im Bereich der Materialien, die ich gutheisse – einerseits dank der Qualität des Handwerks, andererseits durch die Möglichkeiten der Forschungseinrichtungen. Neben der Materialforschung möchte ich auch die Arbeit an Bauweisen sowie die zunehmende Aufmerksamkeit für Restaurierung und Wiederverwendung hervorheben. Wir sind auf der Suche nach einer neuen Ästhetik, die den zeitgenössischen Herausforderungen gerecht wird.
Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Für mich ist schön, was Sinn hat – was am Ort, an dem es entsteht, verwurzelt ist, und was uns anspricht sowie herausfordert. Besonders am Herzen liegt mir die Beziehung zur Erde: Eine Architektur, die aus dem Boden heraus entsteht, die ihren Daseinsgrund in einem tiefen Verständnis und Respekt für den territorialen und städtebaulichen, sozialen und kulturellen Kontext findet, in den sie eingebettet ist.
Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Grundsätzlich ist jeder menschliche Eingriff in die Umwelt eine Form von Architektur. Aber vielleicht sollten wir sagen: Architektur wird es erst dann, wenn dieser Eingriff bewusst, achtsam und respektvoll geschieht. Und natürlich ist Architektur nicht nur eine Idee – sie besteht aus Material, Raum und Licht. Und wie sie gemacht ist, bestimmt ihren Wert.
Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Ein:e Architekt:in muss neugierig sein und mit Interesse sowie Offenheit auf die Welt blicken. Zudem ist Ausdauer und Geduld gefragt, um den langen, verschlungenen Weg zu einer Idee zu meistern. Es braucht darüber hinaus Leidenschaft und viel Liebe, um ein Projekt zu entwickeln. Diese Werte sowie die gestalterische Dimension der Architektur können zu Kräften des Wandels (und der Zusammengehörigkeit) in unserer Gesellschaft werden.
Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Wichtig ist, dass Architektur weiterhin Ausdruck einer Zivilisation bleibt und deren Werte vermittelt. Ich bin fest davon überzeugt, dass Architektur ein starkes identitätsstiftendes Element für den sozialen Zusammenhalt sein kann – und ihre Rolle in der Gesellschaft daher gestärkt werden muss.
Da ich im Tessin lebe und arbeite und mit dieser Perspektive somit auch einen Blick über die Landesgrenzen hinaus habe, wird mir umso bewusster, was geschieht, wenn die Architektur ihre gesellschaftliche Bedeutung verliert. Wir alle sollten uns dessen bewusst sein und uns aktiv dafür einsetzen, dass das nicht geschieht. Unser Lebensraum ist unsere wichtigste Ressource. Er ist das Ergebnis eines kollektiven Einsatzes, bei dem alle Beteiligten nur einen Teil ausmachen.
Von grundlegender Bedeutung ist auch die Rolle der öffentlichen Verwaltung, der Politik und der gesamten Bürgerschaft. Das müssen wir uns stets vor Augen führen. Wir brauchen Architekt:innen in vielen verschiedenen Funktionen – insbesondere in der öffentlichen Verwaltung, aber auch in der Politik – und wir brauchen vor allem aufmerksame und informierte Bürger:innen. Unsere Aufgabe als Architekt:innen ist es, diese Debatte lebendig zu erhalten.
Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Die Politik muss sich der Tatsache bewusst sein, dass Architektur ein Teil des Lebens ist – ja, ich würde sogar sagen, sie verbessert die Lebensbedingungen. Sie ist ein gemeinsames Gut, das an zukünftige Generationen weitergegeben werden muss. In diesem Verständnis muss sie gefördert, erleichtert und geschützt werden. Wenn jede Zivilisation das Territorium hat, das sie verdient, dann ist es Aufgabe der Politik, jene Prozesse zu steuern, die zu einer qualitativ hochwertigen Baukultur führen können. Dazu gehört die Einführung jener Instrumente, die für den Schutz und die Förderung von Qualität notwendig sind wie eine Stadtplanungskommission, Architekturwettbewerbe, partizipative Verfahren, öffentliche Debatten, Sensibilisierung in Schulen sowie das aktive Fördern und Entwickeln langfristiger Visionen im Interesse der Allgemeinheit. Jede Veränderung der gebauten Umwelt und jede (noch so kleine) Architektur ist ein öffentlicher und somit politischer Akt. Es ist Aufgabe aller, dafür zu sorgen, dass dies mit Verantwortung gegenüber den zukünftigen Generationen geschieht.
Kann Architektur die Welt verbessern?
Natürlich glaube ich daran. Architektur ist zudem eine Art, die Welt zu betrachten – sie ist eine Form des Widerstands und zugleich eine Form der Zukunftshoffnung. Architektur ist die Fähigkeit, ein Projekt zu entwerfen, eine Vision zu formulieren, sich um die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen zu kümmern. Sie ist vielleicht sogar ein Liebeslied an die Menschheit und an den Planeten.
Mehr zu dem Büro finden Sie hier oder unter i2a.ch.
