„Räume schaffen für Gemeinschaft, Wandel und Zukunft“ (Atelier Nu) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.
Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Unsere Arbeit bewegt sich zwischen unterschiedlichen Massstäben – vom präzisen Innenausbau bis hin zum grossformatigen Holzbau. Dabei steht für uns weniger das einzelne Objekt im Vordergrund als vielmehr die Frage, welche Rolle Architektur in sozialen und ökologischen Zusammenhängen spielen kann.
In Dietikon entwickeln wir ein Wohn- und Gewerbehaus auf engem Raum, das gängige Grundrisslogiken hinterfragt und gezielt auf den umgebenden Stadtraum reagiert. In einem kooperativen Prozess mit Stadt und Bauschaft entsteht anstelle von Abstandsgrün ein öffentlicher Platz auf privatem Grund – ein vermittelnder und kollektiver Raum, der neue Formen von Nachbarschaft und Teilhabe ermöglicht. Das Haus rückt näher an die Stadt und kann dadurch einen positiven Beitrag zur Gemeinschaft leisten.
Gleichzeitig beschäftigen wir uns mit prozesshaften, oft prototypischen Interventionen – etwa der Entwicklung einer neuartigen 90-Grad-Schiebetür für ein kompaktes Bad oder eines Stuhls aus kreislauffähigen Materialien. Auch der Umgang mit denkmalgeschütztem Bestand bietet uns die Chance, Bestehendes zu würdigen, weiterzudenken und neue Wege des nachhaltigen Bauens zu erproben. Was all diese Projekte verbindet, ist unser Verständnis von Architektur als soziale Praxis. Wir suchen nach räumlichen Strukturen, die offen sind für Wandel, Begegnung ermöglichen, gemeinschaftliches Leben stärken – und dabei ressourcenschonend mit Umwelt und Bestand umgehen.
Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Das Areal Guggach III in Zürich steht für eine zeitgemässe Haltung zu Stadt, Wohnen und Gemeinschaft: reduziert im Ausdruck, funktional im Aufbau, suffizient im Ressourceneinsatz. Die Schulanlage Guggach III von Weyell Zipse führt diese Prinzipien konsequent weiter. Ein überdachtes Atrium bildet das räumliche und programmatische Zentrum, organisiert Übergänge, erfüllt ökologische wie funktionale Anforderungen und schafft ein hohes Mass an Nutzungsflexibilität. Die Offenheit stärkt die Verzahnung mit dem Quartier und verankert den Bau städtebaulich präzise. Unser Blick richtet sich bewusst auch auf das Ungebaute: Wettbewerbsbeiträge schärfen den Diskurs, machen Haltungen sichtbar und verhandeln die relevanten Fragen zeitgenössischer Architektur.
Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Materialien prägen nicht nur den gestalterischen Ausdruck – sie können auch Ausdruck einer Haltung sein. Neue Werkstoffe eröffnen Perspektiven für Kreislaufdenken, Leichtbau und Reversibilität. Entscheidend ist dabei nicht allein die Innovation, sondern der bewusste, verantwortungsvolle Einsatz im Umgang mit Raum und Ressourcen.
Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Schönheit entsteht dort, wo Räume Spielraum für Interpretation, Entwicklung oder Ideen offen lassen – vieldeutig und mehrdeutig. Dort, wo Wandel möglich ist, Begegnung geschieht und Aneignung Raum findet. Sie liegt nicht im Perfekten, sondern im Prozess, in der Unschärfe. Ein Raum ist dann schön, wenn er still wirkt und zugleich etwas in Bewegung setzt.
Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Wenn es Haltung zeigt. Wenn es über das Funktionale hinaus Beziehungen stiftet – zum Ort, zu den Menschen, zur Zeit. Architektur beginnt dort, wo das Gebaute Teil eines kulturellen, sozialen und ökologischen Gefüges wird.
Welche Tugenden sollte ein(e) Architekt:in erfüllen?
Neugier, Verantwortungsbewusstsein, Sorgfalt und Präzision – aber auch das Vermögen, Fragen offenzulassen. Architektur entsteht nie isoliert, sondern im Spannungsfeld gesellschaftlicher, kultureller und räumlicher Zusammenhänge. Sie erfordert die Bereitschaft zuzuhören, Verbindungen herzustellen, Verantwortung zu übernehmen und Bestehendes kritisch zu hinterfragen.
Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Architekt:innen sind keine reinen Formgeber:innen. Sie agieren vermittelnd, vernetzend, fragend. Ihre Aufgabe ist es, Strukturen zu schaffen, in denen andere gestalten können – mitdenken, mitverändern und hinterfragen. Das Soziale und das Ökologische sollten dabei nicht Ergänzungen, sondern die Grundlage der Aufgabe sein.
Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Heute verhindern zersplitterte Baurechte, überregulierte Lärmvorschriften und fehlende Instrumente zur Wohnraumförderung oft Projekte, die ökologisch und sozial überzeugen könnten. Wenn Architektur Wirkung entfalten soll, braucht sie politisches Vertrauen – und Spielraum für das Unerwartete.
Kann Architektur die Welt verbessern?
Nicht als Ganzes, aber im Konkreten kann die Architektur einen bedeutsamen Beitrag dazu leisten. Dort, wo sie Nähe ermöglicht, Raum teilt, Ressourcen schont. Dort, wo sie Alltag neu strukturiert und Gemeinschaft stärkt. In ihrer stillen, präzisen Art kann Architektur Teil einer kollektiven Bewegung sein – nicht spektakulär, aber wirksam. Wir arbeiten an der Frage, wie Architektur als soziale Infrastruktur gedacht und realisiert werden kann. Unsere Projekte entstehen im Spannungsfeld von räumlicher Praxis und gesellschaftlicher Teilhabe – sie formulieren Vorschläge für das Zusammenleben, öffnen Möglichkeitsräume und verhandeln das Verhältnis von Individuum und Kollektiv. Dabei interessiert uns besonders das Offene: Räume, die wandelbar bleiben und Aneignung zulassen.
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