Sind Architektur und Design politisch?

Matyas Sagi-Kiss (Wirtschaftsjurist FH, Vorstand von Pro Infirmis Schweiz) wohnt im Zollhaus der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, lebt seit Geburt mit Cerebral Parese und fährt eine Elektro Rollstuhl. In dieser 6-teilige Kolumne lädt er zu einem Perspektivenwechsel ein.

Das war schon immer so.“ So oder ähnlich lauten die Begründungen oft, wenn es darum geht, Veränderungen abzuwehren. Dies gilt in fast allen Lebensbereichen und natürlich auch, was das Erscheinungsbild unserer gebauten Umwelt angeht. Ich wohne in Zürich in einem ehemaligen Industriequartier. Folgt man der eingangs angeführten Logik, so müsste es in meinem Wohnquartier auf immer und ewig grau in grau weitergehen. Farbtupfer würden als störend empfunden. Wehe, ein neues oder ein altes Gebäude würde plötzlich in einer herausragenden Farbe gestrichen oder schlimmer noch: bunt!  Hundertwasser wäre in Zürich verzweifelt. 

So ähnlich verhält es sich, wenn man die Spuren des Kolonialismus an der Architektur durch sichtbare Einordnungen kennzeichnet oder in den extremen Fällen beseitigen will. Ein Blick in die Vergangenheit ist manchmal so hässlich, dass es gestattet sein muss, dieses Sichtbare kritisch einzuordnen und dessen Auswirkung zu kritisieren, infrage zu stellen und ggf. sogar zu beseitigen, ohne sie dadurch zu verleugnen. 

Es ist unumstritten, dass Schönes und historisch Wertvolles zu bewahren ist. Die Frage ist allerdings, ob Gewichtung stets zugunsten, dessen ausfallen muss, was schon ist oder immer so war? Persönlich glaube ich, dass unsere bauliche und anders gestaltete Umwelt heute und in der Zukunft für die Menschen gestaltet werden und für alle funktionieren sollte. 

Mit diesen Konflikten kämpft auch die barrierefreie Architektur, die sich nur verbreiten kann, wenn Neues anders ist als Bisheriges und Altes, Bestehendes sich verändert. Unsere gestaltete Umwelt ist keine tote Masse, sie darf und soll sich verändern. 

Veränderung im Sinne einer inklusiven Umwelt erfordert Mut von jenen, die emotional an dem hängen, was ist, und die Angst vor Neuem haben. So ist das Leben. Die Freiheit, etwas verändern zu dürfen, ist immer mit Risiken verbunden. Und wie so oft kann man nur wachsen, wenn man diese Ängste überwindet. Warum sollte dies bei Architektur und Design anders sein als in allen anderen Lebensbereichen? 

Lassen Sie uns gemeinsam an einer inklusiven Zukunft arbeiten. Mehr dazu finden Sie hier.

 

 

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