Talk: ERNE AG Holzbau

Talk: ERNE AG Holzbau

Von der Gebäude-, Fenster- oder auch Fassadenlösung bis hin zum anspruchsvollen Innenausbau ist ERNE AG Holzbau Ansprechpartner für individuelle Lösungen mit Gesamtleistungsqualität.

Thomas Wehrle ist seit 2004 bei Erne tätig. Heute ist er dort CTO, Vize-Direktor und Leiter des Digitalen Holzbaus.

Herr Wehrle, woher kommt Ihre Affinität zum Holz? 

Als Jugendlicher habe ich diverse Bereiche angeschaut und stand schlussendlich vor der Entscheidung, mit welchem Material ich mich künftig tagtäglich auseinandersetzen möchte. Holz hat mir, vor allem aufgrund seiner Haptik, am meisten imponiert. So habe ich mich zum Schreiner ausbilden lassen. Seit 2004 darf ich mich nun bei Erne entfalten. 

Holzhäuser sind im Trend. Immer öfter wird damit auch in die Höhe gebaut. Was sind die Gründe für diese Entwicklung? 

Einerseits ist da der Megatrend der Nachhaltigkeit, welcher den Holzbau enorm vorantreibt. Investoren sehen einen Marktvorteil oder sind gar im Zugzwang, da sie Holz mit seinem vergleichsweise geringen CO2-Abdruck zwingend in ihrem Portfolio haben müssen. Andererseits ist es in der Schweiz dank den 2015 angepassten Brandschutznormen nun möglich, deutlich höhere Holzbauten zu realisieren. 

Und der Holzbau hat seine Hausaufgaben gemacht. 

Genau. Er hat inzwischen Lösungen punkto Schall- und Brandschutz entwickelt. Das hat auch mit der Psychologie des Menschen zu tun: Man fühlt sich heute in einem Holzbau deutlich sicherer.

Welche Höhen kann man mit Holz inzwischen realisieren?

Sechs oder mehr Geschosse bis etwa 50  m sind heute problemlos möglich. Denn Holz ist in diesem Punkt nicht „schlechter“ als Stahl oder Beton, es hat bloss andere Eigenschaften. 

Wo liegen die Grenzen?

Ab einer Höhe von etwa 100  m. Auf die dort herrschenden Windkräfte reagiert Holz anders. Auch im Boden verankert, kann es die Anschlusskräfte nicht eins zu eins umleiten, mit Stahl sind die Kraftübertragungen durch Schweissnähte und Schrauben besser lösbar. Das Gebäude kämpft dann mit Verdrehungen, die der Holzbau bis anhin gar nicht lösen musste. Ihm fehlt also noch die nötige Erfahrung. Auch mit Stahl hat man nicht von heute auf morgen so hoch gebaut.

Wie sieht es punkto Erdbebensicherheit bei modernen Holzhochhäusern aus?

Hier ist bereits einiges an Erfahrungen vorhanden, vor allem in Japan werden laufend Tests gemacht. Holz verhält sich hier angenehmer, ist weicher, gerät nicht so schnell in Schwingung, weil die Bewegungen besser verpuffen. Auch von den Normen her werden die Nachweise erfüllt, von daher gibt es keine Einschränkungen.

Erne hat das erste Holzhochhaus der Schweiz auf dem Suurstoffi-Areal in Risch-Rotkreuz mitgebaut.

Dieser Bau ist zur Zeit der Brandschutzlockerung entstanden. Dem Bauherrn war die Nachhaltigkeit als Gesamtkonzept auf dem ganzen Areal von Beginn an wichtig. Wir haben das dazukommende Büroholzhochhaus anhand eines neuen Konzepts zusammen mit dem Architekten entworfen. Die Grundanforderungen an den Bau blieben dieselben, nur wurde er eben hauptsächlich mit Holz gebaut. Interessant ist auch, dass zwei Gebäude – ein sieben- sowie ein zehnstöckiges – ineinander verschachtelt sind.

Welche Vorteile hat die von Erne entwickelte Holz-Beton-Verbundkonstruktion?

Heute kämpfen wir mehr mit hohen Temperaturen im Sommer als mit Wärme- und Energieverlust im Winter. Unser System «SupraFloor ecoboost2» ist das erste Holz-Hybrid-Bausystem, das mit sichtbaren Holzoberflächen eine behagliche Atmosphäre schafft. Kühlung, Heizung, Lüftung und Akustik sind alle unsichtbar in der Decke integriert. Das System aktiviert die Betonmasse, die als Speicher dient und somit optimal kühlen und wärmen kann. So kann bis zu 30 Prozent mehr Energie eingespart werden. Ein weiterer allgemeiner Vorteil ist die zunehmende Vorfertigung im Werk. 

 

 

Das zehnstöckige Bürogebäude auf dem Suur-stoffi-Areal in Risch-Rotkreuz ist das erste Holzhochhaus der Schweiz.

Welche aktuellen Erne-Projekte weisen auf weitere künftige Veränderungen hin?

Ein eindrückliches Beispiel ist ein kürzlich fertiggestelltes Schulhaus in Frankfurt, wo wir – passend zur aktuellen Gesamtsituation –  stark die digitalen Medien genutzt haben. Ich spreche hier von Videokonferenzen, Austausch von 3D-Modellen und allgemeinen Daten. Immer mehr Projekte werden so wohl «aus der Ferne» entstehen.

Können Sie dies genauer erklären?          

Da immer mehr im Vorfeld geplant wird, verkürzen sich die Bauzeiten dementsprechend. Die klassischen Methoden sind praktisch nur noch durch Manpower zu beschleunigen. Da es heute gleichzeitig immer schwieriger wird, qualifizierte Fachkräfte zu finden, die auch im Winter bei Minustemperaturen oder im Sommer bei 35 Grad im Schatten auf der Baustelle stehen, verlagert sich vieles in die Fertigung im Werk vor. Dort herrschen das ganze Jahr über angenehme Klimabedingungen.

Die Digitalisierung verdrängt also das Handwerk.

Klar bringt die voranschreitende Technologie laufend Veränderung mit sich, Roboter übernehmen immer mehr Arbeiten. Auch wir testen mit eigenen Robotern, forschen und analysieren. Doch eine Maschine ist nur so schlau wie der Mensch, der sie bedient. Deshalb ist eine Vollautomatisierung der Abläufe nicht anstrebenswert. Wo es ein Problem zu lösen gibt, eine Entscheidung getroffen werden muss, ist der Mensch weiterhin gefragt. Hier liegt allerdings eine aktuelle Problematik vor.   

Inwiefern?

Der Nachwuchs der Branche will das Handwerk immer weniger lernen, jedoch werden wir weiterhin Fachkräfte brauchen, die das notwendige Know-how von Grund auf mitbringen. Die zentrale Frage stellt sich hier bei den Ausbildungsplätzen, den Hochschulen und Ausbildungsstätten. Diese sind gefragter denn je. Nur wenn sie weiterhin Fachkräfte aus allen Bereichen hervorbringen, ist der Spagat zwischen Handwerk und Technologie zu schaffen.

Sie meinen Parametrische Architektur.

Genau, damit kann auch während der Planungsphase auf Elemente Einfluss genommen werden. Dies wird Architekten künftig immer mehr beschäftigen: Wie kann ich eine Holzfassade besser gestalten oder bauen, sie beispielsweise mit anderen Informationen wie Fenstern verknüpfen? Wo können auch während des Fertigungsprozesses noch Teile hinzu- oder weggenommen werden? Daraus resultiert die Frage, bis wann die eigentliche Planung überhaupt abgeschlossen wird.

Zum Schluss: Wohnen Sie selber in einem Holzhaus?

Natürlich, und es hat sogar eine Holzfassade, die ich selber abgebunden und montiert habe. (lacht) Aber das soll jeder für sich entscheiden. Holz ist heute im Trend, es löst jedoch nicht alle Probleme. Ich sehe den Sinn deshalb im Hybrid-Gedanken. Wenn wir die Vorteile der verschiedenen Materialien kombinieren, können wir Gebäude bauen, die den künftigen Ansprüchen genügen. Wer weiss, vielleicht leben wir einmal alle in „Plastikhäusern“, weil wir eine Lösung gefunden haben, den Kunststoff nachhaltig und nicht mehr aus Erdöl zu produzieren? Die Zukunft wird es zeigen.

erne.net