Im Gespräch mit Kathrin Simmen

„Architekten sollten sich vermehrt politisch einbringen“ (Kathrin Simmen) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Ich habe das Glück, dass ich gerade Projekte in ganz verschiedenen Phasen bearbeiten darf. Täglich stehe ich in Kontakt mit der Baustelle für das Alters- und Pflegeheim Seegarten in Hünibach – dem Projekt, welches die Bürogründung ermöglichte und nun in mehreren Bauetappen realisiert wird. Ebenso skizziere ich täglich an einem Wettbewerb für Alterswohnungen und tausche mich mit meinen Mitarbeitern aus. Ein Mehrfamilienhaus ist das jüngste Projekt des Büros. Hier entwerfen wir aktuell die Fassade in Sichtbackstein, einem für das Büro neuen Material, welches eine hohe Gestaltungsvielfalt birgt. Die Vielfalt der Aufgaben erfüllt und beschwingt mich gerade sehr.

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Im Zusammenhang mit der Recherche für den aktuellen Architekturwettbewerb habe ich Peter Zumthors Alterssiedlung in Masans (Chur) studiert. Der einfache Riegel steht in einem Obstgarten und ist in drei klar erlebbare Schichten gegliedert: Laubengang, Wohnzone, Balkon. Die Raumbildung ist schlicht und funktional, lässt aber den Bewohnern Spielraum für die Aneignung der Räume und Begegnungen. Die Materialisierung in Lärchenholz, Tuffstein und Beton beruht auf lokalen Materialien, ist aber sehr unmittelbar umgesetzt, damit die Materialechtheit erlebt werden kann und die Räume eine angenehme Grundstimmung ausstrahlen.

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Neuartige Materialien ermöglichen innovative Raumkonzepte oder neue konstruktive Lösungen und erweitern den gestalterischen Spielraum, was ich als Bereicherung empfinde. Aus meiner Erfahrung ist es aber nicht immer einfach, Bauherrschaften von den noch unerprobten Materialien zu überzeugen und Handwerker für die Realisierung zu gewinnen, weil neuartige Materialien auch Risiken bergen und der Alterungsprozess nur in der Theorie erforscht ist. Darum wäge ich immer sorgfältig ab, welche Materialien ich wem empfehle. Schlussendlich sollen die verwendeten Materialien lange währen, nachhaltig Freude bereiten und mit Patina altern. 

Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Das Wort „schön“ ist ja eigentlich verpönt, aber es wird trotzdem häufig verwendet, wenn andere präzise Adjektive fehlen oder eine Summe von Beschreibungen zusammengefasst werden soll. Schönheit umschreibt vage einen Zustand, der in einer Kultur als harmonisch empfunden wird und Emotionen erzeugt. Schönheit ist für mich, wenn meine visuelle, ästhetische, akustische und sensorische Wahrnehmung Gefühle erzeugt, die mich in einen Zustand von Zufriedenheit, Balance und Glück versetzen: Ein warmer Sitzplatz vor einer Hauswand im Winter vor verschneitem Bergpanorama, ein kitschiger Sonnenuntergang am Strand mit Meeresrauschen, ein lichtdurchfluteter Raum oder ein Gemälde zählen für mich dazu.

Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Mein Architekturverständnis folgt der Architekturdefinition von Vitruv: Ein Gebäude vereint die drei Prinzipien: Stabilität/Dauerhaftigkeit, Nützlichkeit und Anmut. 

Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Oh, da gibt es viele, die ich versuche ohne Wertung zu benennen, denn als Architekt sollte man Generalist sein und über einen breiten Wissensschatz verfügen. Für die Entwurfsarbeit finde ich das Skizzieren und Zeichnen die wichtigste Voraussetzung, um Ideen auszudrücken. Kommunikation und Taktgefühl sind wichtig, um zwischen verschiedensten Akteuren eines Projekts zu agieren und seine Ideen transportieren zu können. Bis zur Umsetzung sind oft Ausdauer und Belastbarkeit nötig, darum muss der Architekt auch ein geduldiger Optimist sein und über Gelassenheit verfügen.

Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Meine Überzeugung ist, dass der Architekt verantwortungsvoll handeln sollte. Im Zentrum seiner Denkweise und Entwurfsarbeit sollte der Mensch stehen, der Räume bewohnen und benutzen wird. Die Architektur in allen Massstäben des Gestaltungsprozesses – städtebaulich, aussenräumlich, innenräumlich, haptisch und funktional – soll den menschlichen Ansprüchen entsprechen. Das Interesse des Architekten sollte darum nicht einer Leuchtturmarchitektur gelten, sondern dem gebauten Umfeld im Spannungsfeld zwischen Neubau und Umbau, sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Nachhaltikeit. 

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Die umgekehrte Frage beschäftigt mich viel mehr: Welche Rolle sollte die Architektur in der Politik spielen? Unser gebautes Umfeld und der Landschaftsraum werden von allen Menschen täglich wahrgenommen. Die Architektur – hier eher städtebauilch, raumplanerisch zu verstehen – soll dazu beitragen, dass die Qualität unseres Lebensraums hoch ist. Ich denke darum, dass Architekten sich vermehrt politisch einbringen sollten, um den Diskurs über die Qualität des öffentlichen Raumes aktiv zu gestalten. 

Kann Architektur die Welt verbessern?
Ein Gebäude und dessen Programm, ein öffentlicher Platz oder ein Park können meiner Meinung nach positive Impulse geben, um Orte zu transformieren und Lebensqualität der Menschen zu verbessern. Wie ich während meines Studiums in China beobachtete, passiert es leider auch umgekehrt, wenn durch Neubauten lebendige Quartiere vernichtet, Menschen verdrängt und soziale Strukturen entfremdet werden. Wenn wir unser Wissen über die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Erkenntnisse über Materialien und Energieverbrauch und die Kenntnisse der Historie gekonnt einsetzen, kann es der Architektur gelingen, einen nachhaltigen Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten.

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