Im Gespräch mit Minergie

Minergie leistet einen gewichtigen Beitrag an die Energiewende und den Klimaschutz“ – Im Gespräch mit Andreas Meyer Primavesi, Geschäftsleiter Verein Minergie.

Fast eine Million Menschen wohnen in einem Minergie-Gebäude. Ein schönes Geschenk zum 25-JahrJubiläum des Schweizer Gebäudestandards. Der Schweizer Gebäudepark verbraucht etwa 90 TWh oder rund 40% des Endenergiebedarfs der Schweiz und ist für rund ein Drittel des inländischen CO2-Ausstosses verantwortlich. Vom Erfolg der letzten Jahre profitiert darum auch das Klima. Denn ein Minergie-Haus verbraucht je nach Standard 20 bis zu  50 % weniger Energie als ein herkömmlicher Neubau. 

Als Vorreiter für kantonale Gesetze ging Minergie seit der Gründung im Jahr 1998 wieder und wieder einen Schritt voraus, für mehr Komfort, Effizienz und Klimaschutz. Aktuell stehen erneut Anpassungen an. Die Anforderungen an die Ausnutzung des Solarenergiepotenzials werden erhöht, die Energieeffizienz im Betrieb weiter erhöht, und neu sind auch die Treibhausgasemissionen in der Erstellung zu reduzieren. Dazu kommt die Sicherstellung eines guten Innenraumklimas auch in den immer wärmer werdenden Sommermonaten.

 

Warum sollte man heute ein Haus nach Minergie-Standard bauen?
Aus meiner Sicht gibt es drei wichtige Gründe: Man macht sich unabhängiger von steigenden Energiepreisen oder einer drohenden Energieknappheit. Nach wie vor der wichtigste Grund für mich ist aber, dass man einen konkreten und glaubhaften Beitrag zum Klimaschutz leistet. Nicht vergessen sollte man den Komfortaspekt: Gerade wenn die Sommer immer heisser werden, sind Themen wie Luftqualität und Hitzeschutz im Innenraum wichtig für unser Wohlbefinden.

Wenn man von einem Minergie-Haus spricht, denkt man dabei weniger an den Sommer.Mit dem Thema Komfort haben Sie die erwarteten Hitzesommer angesprochen. Was tut Minergie konkret gegen eine Überhitzung?
Minergie-Bauten brauchen viel weniger Energie, sind frei von fossilen Brennstoffen und wirken damit dem Klimawandel entgegen. Aufeinander abgestimmte Anforderungen reduzieren eine Überhitzung. So wird z.B. ein rechnerischer Nachweis verlangt, der aufzeigt, dass es in Wohnbauten an maximal 100 Stunden pro Jahr über 26.5 Grad heiss wird – viermal weniger als in konventionellen Bauten. Dem sommerlichen Wärmeschutz wird im dreistufigen Minergie-Zertifizierungsprozess grosse Relevanz beigemessen. Viele Projekte müssen nachgebessert werden. Ebenfalls leistet die Lüftung einen wichtigen Beitrag an die Nachtauskühlung. Und dank der bei Minergie obligatorischen Eigenstromproduktion wird die Umweltbilanz von Geocooling und Kühlgeräten stark verbessert. Der Erfolg von Minergie beruht vor allem darauf, dass Umweltschutz mit Komfort verbunden ist. Wir stehen dafür ein, dass dies auch in künftig heisseren Sommern möglich ist.

Der Bau eines Minergiehauses ist in der Tendenz teurer, als wenn man herkömmlich baut, weshalb lohnen sich diese Investitionen trotzdem?
Die Mehrkosten können gegenüber herkömmlichen Bauweisen dank der langfristigen Energiekosteneinsparungen amortisiert werden. Berechnungen und Erfahrungswerte zeigen, dass sich die Mehrinvestitionen (Basis MFH mit drei Wohneinheiten) je nach Baustandard brutto zwischen 2,8% und 6,9% der Bauinvestitionen bewegen. Je nach Kanton erhält man für den Einsatz einer bestimmten Gebäudetechnik oder die Zertifizierung nach einem Minergie-Standard Fördergelder. Diese reduzieren die Mehrinvestition in die Minergie-Qualität in einer Nettobetrachtung deutlich. Und man profitiert 30 Jahre lang von erhöhtem Komfort, tieferen Energiekosten und leistet erst noch einen Beitrag an den Klimaschutz.

Wie hoch ist die Akzeptanz bei Architekten für den Minergie-Standard?
Unterschiedlich. Ich möchte vorsichtig differenziert antworten. Es ist nicht so, dass alle „Hurra“ sagen, aber es gibt eine klare positive Tendenz. Mit dem generellen Interesse an Energie- oder Klimathemen steigt auch das Bewusstsein bei den Architekten. Viele Architekturbüros, welche vor zehn Jahren noch sagten, dass Minergie ein Nebenschauplatz beim Bau sei, sind sich heute der gesellschaftlichen Bedeutung und Erwartung bewusst. Und jene, die von jeher Minergie-Bauten erstellen, profitieren nun von dieser Erfahrung.

In welcher Form bietet Minergie den Architekten Hand?
Wir haben ein Fachpartner-System, bei dem mehrere Hundert Architekturbüros dabei sind. Damit verbunden ist ein umfassendes Weiterbildungsangebot, das auf unserer Website ersichtlich ist. Mit unseren Kursen versuchen wir Schnittstellen zu Architekturthemen zu schaffen, damit eine aktive Diskussionskultur mit den Architekten und Planern entsteht.  

Wo liegen aktuell die grössten Herausforderungen für Minergie?
Ein energieeffizientes Gebäude muss als Gesamtsystem betrachtet und geplant werden. Dafür braucht es das Zusammenspiel von Architektur, Bautechnik und Gebäudetechnik. Im Idealfall erarbeiten die Fachplaner mit den Architekten von Beginn weg gemeinsam Lösungen. Das Ziel ist ein Gebäude mit minimalen Verlusten und maximalen Gewinnen bei bestmöglicher Deckung des Bedarfs. Bereits in der frühen Entwurfsphase stellt das Planerteam mit der Form des Baukörpers und dessen Ausrichtung, mit der Grösse der Fenster und deren Verschattung sowie durch die Wahl der Energieträger und Baumaterialien wichtige Weichen für die Energieeffizienz und den Nutzerkomfort eines Gebäudes. Die Koordination in der Planungsphase und darüber hinaus sehe ich nach wie vor als eine der grössten Herausforderungen für alle Beteiligten. Neben diesem technischen Aspekt gibt es eine gesellschaftliche Komponente, die mich beschäftigt. Bauen generell und damit auch das nachhaltige Bauen ist in den letzten Jahren deutlich teurer geworden. Das hat nichts mit unseren Standards zu tun, sondern viel mehr mit dem Fachkräftemangel, der Teuerung und der Verfügbarkeit von Baumaterialien. Wenn diese Preisentwicklung so weiter geht, wird nachhaltiges Bauen und Wohnen zu einem Luxus, der nur für eine kleine Gesellschaftsschicht erschwinglich ist. 

Minergie passt Mitte September 2023 die Baustandards an, was dürfen wir da erwarten?
Auf September 2023 werden die Minergie-Baustandards zum ersten Mal seit 2017 umfassend weiterentwickelt. Wir berücksichtigen damit die dynamischen Entwicklungen in Markt und Politik und nehmen weiterhin eine Vorreiterrolle in der Energie- und Klimapolitik wahr. Es werden in erster Linie vier Themenfelder in Angriff genommen: weitere Erhöhung der Energieeffizienz, kombiniert mit fossilfreiem Betrieb; bessere Ausnutzung des Solarenergiepotenzials auf Dächern und teils bei Fassaden; Minimierung der Treibhausgasemissionen auch in der Erstellung und die Sicherstellung des Hitzeschutzes bei fortschreitender Klimaerwärmung. Mit diesen Themen haben wir immer das grosse Ziel vor Augen, den Klimaschutz in der Schweiz auf ein höheres Level zu bringen. 

Dieses Jahr feiert Minergie sein 25-Jahr-Jubiläum, was waren die wichtigsten Ereignisse in der Vergangenheit und was bringt die Zukunft?
Die Energiewende in Gebäuden zu schaffen, lautete die Zielsetzung bei der Lancierung des Minergie-Standards im Jahr 1998. Eine Vision, die bis heute gilt. Ging die Gründung des Vereins noch von den Kantonen Bern und Zürich aus, sind es heute alle Kantone, die an der Umsetzung der Vorgaben beteiligt sind. Die enge Zusammenarbeit auch auf Bundesebene durch das Bundesamt für Energie und mit der Privatwirtschaft ist einer der Erfolgsfaktoren des Minergie-Konzepts. Denn diese breite Unterstützung machte den Standard so glaubwürdig wie bekannt. Die Minergie-Standards sind heute aus dem Bauwesen nicht mehr wegzudenken, stellen Qualität und Komfort in den Mittelpunkt und prägen die Schweizer Immobilienlandschaft und Bauwirtschaft nachhaltig.

Was wünschen Sie sich für Minergie zum Jubiläum?
Ich wünsche mir, dass wir weiterhin offen bleiben, dass wir Kritik annehmen und diese konstruktiv in unseren Standards umsetzen. Meine Motivation ist, dass wir einen Beitrag an die Energiewende und den Klimaschutz leisten können – und gleichzeitig den Nutzern und Eigentümern der Minergie-Gebäude einen guten Gegenwert bieten. ch sehe nach wie vor ein immenses Einsparungspotenzial beim CO2 und bei den Kilowattstunden, die blödsinnig verbraucht werden. Wir haben noch viel Arbeit vor uns.

 

Weitere Informationen zu Minergie finden Sie hier.

Text: Christian Greder

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