Zug (1961–1963)

Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Leiter des Fachbereichs Digitale Prozesse auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese sechsteilige Kolumne besucht er 2021 seine bisherigen Wohnorte und transformiert Erinnerungen ins Heute.

Ein um 53 Jahre verzögerter Umzug und ein „Schock“
Nach dem letztjährigen Abstecher ins Tessin besuche ich in diesem Jahr meine Wohnorte. Es wird eine Geschichte der Veränderungen und der Verschiebung von Schwerpunkten innerhalb von Ortschaften werden. Ich werde vergleichen und ab der zweiten Folge auch eigene Beobachtungen einbeziehen. Vorher bin ich auf fremde Erinnerungen angewiesen.

In Zug lebte ich, bis ich zwei Jahre alt war. Das nahe der Altstadt liegende Bürgerspital im Süden der Stadt, in dem ich geboren wurde, zog 2008 nach Baar um. Die „Metalli“, eine Metallwarenfabrik in der Stadtmitte, die Küchenkombinationen und Stahlhelme herstellte, und genau vis-a-vis vom Haus meiner Grosseltern stand, musste in den 80er-Jahren dem Einkaufszentrum „Metalli“ weichen. Gut möglich, dass sich bald niemand mehr erinnert, woher der Name stammt. Etwas Ähnliches beschreibt der Glarner Autor Emil Zopfi mit dem Namen „Glarnerland“ in einem seiner Romane. Seine ursprüngliche Bedeutung als Gebietsbezeichnung sei entfremdet worden. Heute werde er vorwiegend für eine Autobahnraststätte verwendet und mit dieser auch assoziiert.

Meinem Grossvater Josef, der als stellvertretender Bahnhofsvorstand amtete, wurde Mitte der 1940er-Jahre erlaubt, dass er sein geliebtes Stehpult in den neuen Bahnhof mitnehmen dürfe. Das von den Hornberger Architekten erstellte und mit zwei Brunel Awards ausgezeichnete neue Bahnhofsgebäude, mit einer Lichtinstallation von James Turrell, feierte 2003 seine Eröffnung – 53 Jahre nach Grossvaters Pensionierung. Auf dem Postplatz fällt die ellipsenförmige Fluchttreppe am Regierungsgebäude auf. Sie ist eine Massnahme nach dem Attentat in Zug, dem vor zwanzig Jahren vierzehn Politikerinnen und Politiker zum Opfer fielen. Gleich gegenüber steht der Hauptsitz der Zuger Kantonalbank, der aus der Gründerzeit des Architekturbüros von Leo Hafner und Alfons Wiederkehr stammt, mit dem ich nicht verwandt bin. Die beiden gelten als die Modernisten der Zuger Architektur, und ihr Büro setzt bis heute Akzente im Stadtbild. Beim Recherchieren habe ich nicht schlecht gestaunt, dass nicht nur die Kantonsschule auf der Wiese hinter dem Haus der Grosseltern, sondern auch das Metalli-Center und das Haus meines Onkels in der „Teppichsiedlung Herti“ von ihnen stammen.

Eigene Erinnerung an meine Zeit in Zug habe ich nicht. Auch die Seegfrörni von 1963 kenne ich nur aus Fotos und Erzählungen. Und vom „grossen Schock“, wie es meine Mutter nannte, als sie 29 Tage nach meiner Geburt auf der Strasse erfuhr, dass mitten durch Berlin eine Mauer gebaut wird, vernahm ich auch erst später. Immerhin: Zug wäre damals überschaubar gewesen. Noch Ende der 1970er-Jahre hat meine Grossmutter mit ihrer Schwiegertochter zusammen, von jedem Haus der Industriestrasse hoch und der Baarerstrasse herunter die Bewohner aufzählen können, obwohl beide seit über zehn Jahren nicht mehr in Zug gewohnt haben. Und mir gefiel immer, wenn von der Frau Hauptmann Zürcher die Rede war.

Zug hat eine grosse Entwicklung durchgemacht. Und warum die Stadt für mich immer wieder Durchfahr- und Umsteigestation gewesen ist, erfahren Sie aber der nächsten Folge, wenn ich dann von meinen eigenen Erinnerungen berichte.

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