Wetzikon (1994-1998)

Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Leiter des Fachbereichs Digitale Prozesse auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese sechsteilige Kolumne besucht er 2021 seine bisherigen Wohnorte und transformiert Erinnerungen ins Heute.

Ein Epizentrum der Verkreiselung, Verfunkung und Verdichtung
Obwohl der Ökonom Matthias Binswanger vor sinnlosen Vergleichen warnt, bin ich am Ortstermin die mit 2435 Meter längste Bahnhofstrasse Europas abgelaufen. Sie ist ein Kilometer länger als die in Zürich. Über diverse Richtungswechsel führt sie vom Bahnhof in Unterwetzikon über den Leuenplatz in Oberwetzikon zum Ochsenkreisel im Ortsteil Kempten. Einige Querstrassen, die früher mit einer gewöhnlichen Kreuzung Anschluss fanden, sind nun über Kreisel an die Bahnhofstrasse vernetzt. Ich bin froh, dass ich über die „Zeitreise“ von Swisstopo meine Erinnerungen bezüglich der Verkreiselung überprüfen konnte.

Beim Blicken in die Seitenstrassen entdeckt man immer wieder Flarz- und Riegelhäuser, die der Modernisierung getrotzt haben. Beim Finden des idealen Fotoausschnitts haben sich im Hintergrund wiederholt Mobilfunkantennen und Hochbauten gezeigt, in welche diese integriert sind. Anscheinend kann auch visuell der Verfunkung der Schweiz nicht mehr ausgewichen werden.

Der Coop-Pavillon gegenüber der reformierten Kirche ist einer respektablen Überbauung gewichen. Nicht nur beim ehemaligen Einkaufszentrum „Trompete“, das trotz dieser Grundrissform nun „City Center Wetzikon“ heisst, zeigen Baugespanne, dass die gesetzlich zugelassenen Möglichkeiten der Verdichtung ausgenutzt werden. Das prozentuale Bevölkerungswachstum beträgt in Wetzikon in den letzten 20 Jahren knapp 39 Prozent – von 18 000 im Jahr 2000 auf rund 25 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Damit ist es doppelt so hoch wie das in der Schweiz. 

Nachdenklich bin ich in der unteren Bahnhofstrasse geworden. Die Bäckerei-Konditorei Frauenfelder mit ihrem Kaffeehaus ist seit 2018 geschlossen: Es macht nicht den Anschein, dass sich das ändern wird. Nicht weit davon gleicht der Innen- und Aussenraum der ehemaligen Papeterie Schnarwiler und des Kinos Rio dem, was wir gut schweizerisch ein „Puff“ nennen – also eine Unordnung. Und gemäss meinen Beobachtungen würde es mich nicht wundern, wenn drinnen puffähnliche Zustände herrschen würden, jetzt den Begriff ganz nach Duden verwendend. Beim Bahnhof werden die Gebäude der regionalen Zeitung „Zürcher Oberländer“ rückgebaut. Zeigt mir das symbolisch eine weitere Konzentration der Schweizer Zeitungslandschaft? Zum Glück kann ich Entwarnung geben: Die Gebäude weichen einem modernen Medienhaus. Die Redaktion ist für drei Jahre in den Nachbarort Hinwil gezogen. Wer noch mehr über den Ort erfahren möchte, dem empfehle ich nicht Wikipedia, sondern Wetzipedia. Welch gelungene Namensanalogie!

Auf dem Weg zu Gabys Diplomfeier 1996 im Saal des damals noch recht bescheidenen Zürcher Kunsthauses am Heimplatz habe ich in der Hauptbibliothek der ETH die gedruckten und in Wetzikon gebundenen Belegexemplare meiner Dissertation abgegeben. Daher tragen ganz ungeplant Gabys Diplom- und meine Doktoratsurkunde dasselbe Datum. Wäre eventuell das Thema „Zufall“ eine eigene Kolumnenserie wert?

Tipps:

Wetzipedia.ch: Zwei Buchstaben durch drei andere ausgetauscht, und aus Wikipedia wird Wetzipedia. Ein Muss für alle, die sich mit Wetzikon beschäftigen.

Zeitreise: Die ganze Schweiz seit 1864: swisstopo.admin.ch/zeitreise

Industrielehrpfad: Der interessante Industrielehrpfad von Bauma im Tösstal führt über Bäretswil durch Wetzikon nach Uster (oder umgekehrt)

Areal Schönau mit Weiherlandschaft und Storchenkolonie auf Hochkamin

Clientis-Rundgang durch Unterwetzikon: Der Rundgang startet bei der Villa Gubelmann, gegenüber vom Bahnhof

Matthias Binswanger: „Sinnlose Wettbewerbe: Warum wir immer mehr Unsinn produzieren“, Herder Verlag, 2010

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