Mehr als nur ein Schnäppchen-Paradies

Mehr als nur ein Schnäppchen-Paradies

Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Leiter Dienstleistungen und SIA-Form auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). In dieser achtteiligen Kolumne besucht er Orte, an denen man in der Regel vorbeifährt, die man aber selten bewusst besucht. Eindrücke vom Besuch vor Ort am 16.02.2019.

5012 Schönenwerd SO: 1700 Passagiere steigen am Bahnhof Schönenwerd ein und aus. Einige mehr passieren den Bahnhof im Zug auf der SBB-Strecke Zürich–Bern oder Zürich– Basel. Und auf der Schnäppchen- Jagd besuchen viele – oft mit dem Auto an die Parkstrasse anreisend – das weitläufige Factory Outlet Fashion Fish in den stillgelegten Shedhallen an den Geleisen. Ich bin mir sicher, nur die wenigsten machen sich die Mühe und schauen das andere Schönenwerd an – obwohl sie unmittelbar vor Ort sind. Die Dominanz des Familiennamens und der Marke Bally ist frappant: Gleich am Ende der Parkstrasse ist das 100-jährige Kosthaus sichtbar. Für Eduard Bally (1847–1926), Sohn des Gründers, galt: „Die Wohlfahrtseinrichtungen einer Firma sind Ausdruck der Sorge der Direktion um das Wohl der Angestellten- und Arbeiterschaft derselben.“ Heute wird das vom bekannten Architekten und ETH-Professor Karl Moser (1860- 1936) erbaute Gebäude restauriert und unter dem Namen Ballyhouse als Eventlocation vermarktet. Der angrenzende Garten ergänzt die Eduard- Bally-Philosophie: Der Park soll Erholung und Genuss bieten und zu einem Bildungs- und Kunsterlebnis beitragen. Eine Pfahlbausiedlung im Massstab 1:2, ein Pavillon, eine Steinbrücke, eine Grotte mit Aussichtsplattform und ein versetzter Speicher lassen sich als eine Urform des Freilichtmuseums betrachten. Nach dem Unterqueren der Bahnlinie beim Bahnhof fällt sofort das „Schlössli“ auf. Eine Staffage im Garten der Villa Felsgarten, die der Gründer der Bally-Dynastie, Carl Franz Bally (1821–1899), erbaut hat. Die Villa beheimatet ein Schuhmuseum. Auch diese Seite des durch Geleise getrennten Ortes wird von Fabrikgebäuden beherrscht. Auf dem Dorfplatz an der Hauptstrasse Aarau– Olten zeigen ein paar Herrschaftshäuser, inklusive des alten Gasthauses Storchen, die einstige Wichtigkeit Schönenwerds. Viele Plakate, zum Teil auch grossflächig über die Hausfassaden gespannt, preisen heute freie Gewerbeflächen an. Die Tafel des Mozartwegs erläutert Schönenwerds Bedeutung als Verkehrsknoten. Treppen führen zu einer erhöhten Aussichtsplattform mit Baumallee. Vorbei am Gedenkmonument für Carl Franz Bally führt diese zur Stiftskirche mit Kreuzgang. Teile dieser Anlage gehen auf Spuren bis ins 1. Jahrtausend nach Christus zurück. Die Kirche ging im Kulturkampf Mitte des 19. Jahrhunderts an die Christkatholische Kirche über – Carl Franz Bally war ein führender Gegner der katholischen „Pfaffen“. So musste im Jahre 1877 eine Notkirche für die Katholiken erstellt werden. Erst 1938 erbaute der bekannte Kirchenarchitekt Fritz Metzger (1898– 1973), ein Schüler von Karl Moser, die auch von der Eisenbahn aus sichtbare Kirche mit zwei offenen Glockentürmen. Im Innern überzeugte sie mich mit ihrer Schlichtheit. Villenquartiere, Arbeiterhäuser und Bauernhäuser mit Walmdächern runden das Bild ab. Alle, die Schönenwerd kurz und bündig mit einem Outletparadies gleichsetzen, kommen dem Wert des Ortes überhaupt nicht nach.

 

Text: Urs Wiederkehr

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