Locarno e Ticino: Tieni duro! Haltet durch!

Locarno e Ticino: Tieni duro! Haltet durch!

Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Verantwortlicher für Digitale Prozesse in der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese achtteilige Kolumne aus Anlass der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels besucht er 2020 diverse Orte im Städtedreieck Bellinzona-Lugano-Locarno.

Trotz diverser Initiativen in den letzten 14 Jahren ist für das Grand Hotel Locarno aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts keine Wieder- eröffnung in Sicht.

Soll man in der Zeit, die nicht dafür geeignet ist, ins Tessin zu reisen und in der die Testfahrten im Ceneri-Basistunnel eingestellt worden sind, diese Region zum Thema machen? So viel ist sicher: Es wird ein Ende der ausserordentlichen Lage geben. Darum also erst recht.

Die Passagiere am Bahnhof Locarno, dessen erneuertes Aufnahmegebäude im Dezember wiedereröffnet worden ist, steigen in der Gemeinde Muralto aus. Wen kümmerts, dass das seit Jahren geschlossene Grand Hotel Locarno dort angesiedelt ist? Denn die Gemeinde Locarno beginnt erst bei der Standseilbah zur Wallfahrtskirche Madonna del Sasso. Die weitläufige Quaianlage erstreckt sich von der Schiffsstation einerseits Richtung Minusio-Tenero, andererseits über den Lido Richtung Maggiadelta.

Die Piazza Grande ändert im Jahresverlauf ihr Aussehen dreimal, auch wenn das während der Corona-Krise schwer vorstellbar ist: Beim Filmfestival im August stehen 8000 Plätze im Freilichtkino zur Verfügung. Das Festival Moon & Stars lockt jährlich unzählige Musikbegeisterte in die Stadt. Am Largo Zorzi zeugt der zugehörige Walk of Fame mit den Handabdrücken der Künstlerinnen und Künstler vom vielfältigen Festivalangebot. Und wenn alle Leinwände und Bühnen abgebaut sind, zeigt sich dieser grosse Platz in seiner ganzen spärlichen Pracht. 

In der Altstadt mit ihren steilen Gassen lohnt sich der Blick in die Innenhöfe der zahlreichen Bürgerhäuser, aber auch in die Kirche Santa Maria Assunta. Im Castello Visconteo, bei dessen Bau Michelangelo ideell beteiligt gewesen sein könnte, befindet sich das Stadt- und Archäologiemuseum. Das alte Gemeindeschulhaus am grossen Strassenkreisel ist zum Palacinema, dem Zentrum des Filmfestivals, umgebaut worden. In der Nähe befinden sich das von einer Mittelschule genutzte Kloster San Francesco mit Kreuzgang sowie Kirche und das Regionalspital „La Carità”, wo nun die an Covid-19 erkrankten Patientinnen und Patienten des Tessins behandelt werden.

In der jetzigen Zeit ist eine Wallfahrt zur Kirche Madonna del Sasso naheliegend. Statt der Standseilbahn empfehle ich den Weg über den steilen Kreuzweg. Oberhalb der Kirche startet die Luftseilbahn von Orselina nach Cardada. Ihr Gebäude und die Kabinen sind vom SIA-Ehrenmitglied Mario Botta entworfen worden. Interessanterweise ist Locarno auch Reformationsstadt: Über hundert Tessiner Bürger sind 1555 aus Glaubensgründen nach Zürich geflohen und haben dort die Seidenindustrie und Unternehmen wie das Druck- und Verlagshaus Orell Füssli aufgebaut. 

Richtung Maggiadelta und Ascona liegt das alte Gerichtsgebäude, in dem 1925 die Verhandlungen zu den Verträgen von Locarno stattgefunden haben. Die Verträge haben Deutschland den Zugang zum Völkerbund ermöglicht. Deutschlands Bruch der Verträge und das passive Zuschauen der Vertragspartner haben unter anderem zum Zweiten Weltkrieg geführt. Der Friedensweg verbindet die Örtlichkeiten der damaligen Verhandlungen.

Die Kamelienschau Ende März ist aus bekannten Gründen abgesagt worden. Es ist zu hoffen, dass nicht nur der Kamelienpark und die Falknerei, eine der wenigen in der Schweiz, hoffentlich bald wieder zahlreiche Besucherinnen und Besucher empfangen können. Halten wir noch etwas durch!

 

Text: Urs Wiederkehr

 

Verfasst wurde diese Kolumne am 5.4.2020, wegen der ausserordentlichen Lage werden jedoch Fotos aus vergangenen Jahren verwendet. Der am 8.7. online erscheinende 4. Teil der Kolumne führt vom Grand Hôtel Locarno über den Monte Verità und Cupertino CA nach Lugano.