Lieber Biagio

Lieber Biagio

Kolumnistin Brigitta Schild meldet sich in jeder Ausgabe mit einem Brief bei einem Protagonisten oder einer Protagonistin der Architekturgeschichte. In der Ausgabe 08/2019 schreibt sie über Eliezer „El“ Lissitzky (Лазарь Маркович Лисицкий / Lasar Markowitsch Lissitzki *22. November 1890 in Potschinok, Russland; † 30. Dezember 1941 in Moskau), der ein bedeutender russischer Avantgardist war. Seine Arbeiten und Theorien auf dem Gebiet von Malerei, Architektur, Grafikdesign, Typografie und Fotografie haben dem Konstruktivismus den Weg geebnet – und damit auch eine von der Architektin Zaha Hadid häufig genannte Inspirationsquelle geschaffen.

du hast sicher vom „vertikalen Wald“ in Mailand gehört. An dieser avantgardistischen Wald-Interpretation hätte dein Bruder Cosimo bestimmt seine Freude gehabt. Schliesslich hat sich der Architekt Stefano Boeri von deinen Aufzeichnungen über ihn, den „Baron auf den Bäumen“, inspirieren lassen. 

Es war der 15. Juni 1767, als Cosimo Piovasco di Rondò mitten beim Essen die Familie und dich, seinen kleinen Bruder, verliess, so beginnt die Geschichte. Der Auslöser waren Schnecken, die eure Schwester Battista in allen Varianten aufgetischt hatte. Drei Tage zuvor hattet ihr beiden Jungs noch versucht, ihnen die Flucht aus den Salzfässern zu ermöglichen und sie vor dem Tod zu bewahren. Doch ihr wurdet erwischt und eingesperrt bei hartem Brot und dünner Suppe. Danach kamen diese Teller voll gekochter Schnecken auf den Tisch… Cosimo verweigerte sich, kletterte auf die Steineiche im Garten der Villa und beschloss, fortan in den Bäumen zu leben, naturnah und ohne die Annehmlichkeiten seiner Herkunft. Weg von der Dekadenz, der bösartigen Schwester, den in der Vergangenheit verharrenden Eltern und ihren Züchtigungen. Nie mehr würde er einen Fuss auf den Boden setzen. Daran hielt er entschieden fest. Von da an sollte er die Welt von den Bäumen aus betrachten. „Alles, was man von dort oben sah, war andersartig, und schon das machte Vergnügen“, hast du dazu notiert. 

Nun: In den bewaldeten Zwillingstürmen lebt es sich mit allen Annehmlichkeiten feudal. Die Aussicht auf die Stadt allein ist schon grossartig, speziell aber wird sie durch die Bäume im Vordergrund. Als hätte jede Wohnung ihren privaten Garten in luftiger Höhe. Es ist ein Luxusprojekt, das aber nicht durch seine Architektur besticht, sondern durch seine dichte Bepflanzung. Die beiden Hochhäuser sind an und für sich unspektakulär, eigentlich blosse Träger der Bäume und Sträucher. Die sind die Ikonen und präsentieren sich je nach Jahreszeit und Lichtverhältnis immer wieder anders. So bringen sie Farbe und Leben nicht nur für die Bewohner der Türme, sondern auch ins Erscheinungsbild der Stadt. 

Am Anfang war da die Idee, eine harmonische Wechselwirkung zwischen Architektur und Natur nicht nur in Bodennähe zu erzielen, sondern über viele Stockwerke hinweg. Mit viel Grün auf kleiner Bodenfläche sollten die Bauten einen ökologisch wichtigen Beitrag zur Stadt der Zukunft liefern. Ein ganzes Team hatte sich diesem Ziel verschrieben und verfolgte konsequent und kompromisslos die Vision vom „vertikalen Wald“ – da stand dein Bruder sicher Pate.

Kein Aufwand und keine Kosten wurden für die Verwirklichung gescheut. 

Nur schon die Aufwendungen für Statik, Pflege und Anzucht der jungen Bäume und nicht zuletzt die Bepflanzungsaktion selbst waren gigantisch. 

Während eineinhalb Jahren hat eine Arbeitsgruppe unter Leitung der Agronomin und Landschaftsarchitektin Laura Gatti geforscht und experimentiert. Zum Beispiel wurden Bäume nach Miami geschafft und dort in Windkanälen auf ihre Sturmresistenz getestet, die Luftfeuchtigkeit in Abhängigkeit der Höhe studiert, das Bewässerungssystem ausgetüftelt und die Pflanzen abgestimmt auf die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen der Himmelsrichtungen. Und schliesslich musste auch noch eine sichere Baumpflege garantiert werden können.

Du weisst, wie Cosimo damals an manchem Wintermorgen in Schals gehüllt Bäume schnitt, je nachdem auf ziemlich abenteuerliche Weise. In Mailand werden dafür viermal im Jahr drei klettererprobte Gärtner abgeseilt, die das Schnittgut in luftiger Höhe sorgfältig sammeln müssen. Auch das ist ziemlich spektakulär. 

Nun, das ganze Experiment scheint geglückt: denn seit 2014 sind die Bäume in ihren nicht einmal eineinhalb Meter tiefen Betonwannen prächtig gewachsen. 

Etwa zwei Hektaren Wald entsprechen die begrünten Flächen – und das mitten im smoggeplagten Mailand. Es ist eine Insel der Biodiversität entstanden, wo sich Insekten, Vögel und wer weiss, vielleicht auch die Schnecken bereits angesiedelt haben. 

Vielleicht ist das sogar der Auftakt zu einer bald erschwinglichen Stadtbegrünung als eine Massnahme für lebenswerte und somit überlebensfähige Städte – eine gebaute Vision haben wir jedenfalls mit dem „vertikalen Wald“ vor Augen.

Herzlichen Dank, Biagio, für deinen Bericht. Herzlichen Dank an Stefano, Laura und alle engagierten visionären, konsequenten Realisten!

Denn wie Antoine de Saint-Exupéry schrieb: „Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.“

Herzlich 

Brigitta

 

Text: Brigitta Schild