Ist Steve Jobs Apfel-Logo auf dem Monte Verità gewachsen?

Ist Steve Jobs Apfel-Logo auf dem Monte Verità gewachsen?

Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Verantwortlicher für Digitale Prozesse in der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese achtteilige Kolumne aus Anlass der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels besucht er 2020 diverse Orte im Städtedreieck Bellinzona-Lugano-Locarno.

Blick in die Licht-Luft-Hütte Casa Selma aus dem Jahre 1904.

«Mais il faut vous marrier mes enfants, vous n'êtez pas marriés, voyons», meinte Henri Odenkovens Mutter, als sie zwischen ihrem Sohn und Ida Hofmann vom Bahnhof Locarno Richtung Grand Hotel schritt. Vater Louis Oedenkoven, ein Grossindustrieller aus Antwerpen, hielt Henris rund 20-jährige Schwester in angemessenem Abstand zu ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in spe. Ihr Auftreten konnte vor dem Auge einer an Mode und gesellschaftlichen Standards gewöhnten bürgerlichen Familie nicht bestehen. Für bürgerliche Leute ziemte es sich um die vorletzte Jahrhundertwende nicht, sogenannte Reformkleidung zu tragen. Und dass Frauen ohne Korsett und Handschuhe und Männer mit langen Locken, sowie hut- und stocklos mit nackten Waden unterwegs waren, war unvorstellbar. 

«Am nächsten Morgen kam das Elternpaar auch nach Ascona und brach in schwärzest gefärbte Unheilrufe aus, als es auf der Höhe des Landes stand auf welchem wir unsere Zukunft mit so kühnen Hoffnungen aufbauen wollten», schrieb Ida Hofmann 1906 in ihrer Schrift «Monte Verità – Wahrheit ohne Dichtung». Das Elternpaar Hofmann und die Schwester Oedenkoven reisten bald wieder ab, ohne dass sie bei dieser Verbindung den Trauungsakt erzwingen konnten. 

Die Geschichte von Henri Odenkoven und Ida Hofmann begann 1899 in der Naturheilanstalt Rikli in Veldes in der Oberkrain. Dort lernten sich der 24-jährige Henri und die elf Jahre ältere Ida, kennen. «Sonnendoktor» Arnold Rikli, der gelernte Rotfärber aus Wangen an der Aare, gründete dort 1854 sein Kurhaus Mallnerbrunn, nachdem er sich selbst nach seiner Methode kuriert hatte. Anscheinend nahmen sich Ida und Henri die Anweisung in Art. 11 von Riklis Cur- und Hausordnung zu Herzen: «Tischgespräche über Krankheitszustände, Curproceduren – sollen im allgemeinen Interesse vermieden werden.» Vielmehr entwickelten sie Pläne, um ihrem Leben eine «… natürlichere und gesündere Wendung zu geben.» 

Im Oktober 1900 beschlossen sie in München mit Gleichgesinnten in den Süden zu ziehen, denn es «…beseelte mehr oder weniger fast alle ein gleiches Verlangen nach Verlassen der veralteten gesellschaftlichen Ordnung, besser Unordnung, zum Zwecke persönlicheren Lebens und persönlicherer Lebensführung – nach Freiheit.» Über den Passionsspielort Oberammergau und das Stilfserjoch wanderten sie in die Region der Oberitalienischen Seen. Überall erregten ihre luftige Kleidung, die Hutlosigkeit und das Barfussgehen grosses Aufsehen. Oberhalb Asconas erwarben sie ein Grundstück für ihre eigene vegetarische Naturheilanstalt und gaben ihr den Namen Monte Verità. Noch heute können u.a. die «Licht-Luft-Hütte» Casa Selma von 1904 und der Badeplatz mit Dusche besichtigt werden. In Henris und Idas Villa, der vom Jugendstil und dem theosophischen Gedankengut beeinflussten Casa Anatta, steht seit 2017 Harald Szeemanns Ausstellung von 1978 zum Monte Verità wieder offen.

Henri und Ida verliessen den Berg um 1920 Richtung Spanien. Der Bankier Eduard Freiherr von der Heydt erwarb die Anlage und liess von niemand geringerem als Ludwig Mies van der Rohe, dem dritten Direktor des Bauhauses, einen Hotelneubau entwerfen. Zur Ausführung beauftragte von der Heydt um 1929 Emil Fahrenkamp. Später vermachte der Freiherr den Monte Verità mit dem Bauhaushotel dem Kanton Tessin und seine ostasiatische Sammlung der Stadt Zürich als Basis für das Museum Rietberg.

Die Geschichte des Monte Verità ist reich an Episoden. Aber nicht überall, wo Monte Verità draufsteht, ist auch Monte Verità drin. So kann nicht alles, was sich im Raum Locarno – Ascona – Brissago in den letzten 170 Jahren zugetragen hat, dem Berg zugeordnet werden. Aber die Sache ist zum «Brand» geworden, und sie fasziniert – auch mich. Regelmässig erscheinen neue Bücher dazu, zuletzt jenes von Stefan Bollmann, das mich zu folgender Episode führt: 

Henri und Ida zogen alle Register, um ihre Kuranstalt erfolgreich zu machen und um weniger vom Antwerpener Vermögen von Henris Familie abhängig zu sein. Sie arbeiteten mit dem deutschen Naturheilkundler Arnold Ehret (1866–1922) zusammen. Als ihr gemeinsames Unternehmen wirtschaftlich nicht erfolgreich war, zog er nach Lugano weiter. Als auch das nicht funktionierte, wanderte Ehret in die USA aus und verbreitete dort erfolgreich seine Lehre von der schleimfreien Ernährung. Auch ein gewisser Steve Jobs erfuhr so vom «Ehritism» und lebte nach dieser Methode. Bollmann weist in seinem Buch nach, dass sich der Name Apple für das heute weltbekannte Unternehmen aus Steve Jobs besonderer Ernährungsweise und dem Bezug zu Früchten ableitet.

Ich behaupte nicht, dass Steve Jobs Apfel-Logo auf dem Monte Verità gewachsen ist und er dieses eigenhändig gepflückt hat. Aber wer weiss: Wäre Arnold Ehret auf dem Monte Verità oder in Lugano, dem Ort meiner nächsten Kolumne, wirtschaftlich erfolgreich gewesen, so hätte Jobs eventuell gar nie vom «Ehritism» erfahren und seiner mitbegründeten Unternehmung einen anderen Namen gegeben.

 

Text: Urs Wiederkehr