„Ich baue keine Prinzessinnen-Schlösser!“

Die Menschen im Vorarlberg sind engstirnig und eigenbrötlerisch – aber auch weltoffen und warmherzig. Und deshalb reisten in den 80er Jahren junge Architekten nach Skandinavien um sich dort inspirieren zu lassen. Sie wurden zur treibenden Kraft hinter einer neuen alpinen Architektur: eine Bauweise mit Holz und Glas, die zu der Region passt und doch nicht traditionell alpin ist. „Unsere Bauernhäuser sind nicht so wie in Kitzbühel Klischee“, sagt Architekt Jürgen Haller im Interview, der in der naturverbundenen Realität lebt und nicht in einem „jodelnden Hollywood-Dorf“. Im Gespräch erklärt der Baumeister warum er Häuser mit Kanten und Ecken baut und wieso Handwerker unbedingt hübsche Bauherinnen meiden sollten…

Herr Haller, seit Jahren betreibt das „Reichen-und-Schönen-Dorf“ Kitzbühel den Ausverkauf der Heimat. Das Schickimicki-Publikum aus München fällt dabei auf den folkloristischen Jodelstil herein. Im Bregenzerwald, so steht es in einem neuen Buch über die Region hier, sei hingegen überall ein „Zauber“ zu spüren. Warum werden die Menschen hier so verzaubert?
Weil wir uns im Bregenzerwald mehr mit unserer Umgebung und der regionalen Baukultur beschäftigen. Schauen Sie, bereits vor mehr als 350 Jahren gründete der Baumeister Michael Beer nach vielen Jahren im Ausland in „Au“ – heute ein Dorf mit knapp 1700 Einwohnern – eine Gemeinschaft. Handwerker und Architekten arbeiteten schon damals Hand in Hand in einer prähistorischen „Community“ zusammen – und nicht wie fast überall gegeneinander. Diejenigen, die den barocken Sakralbau über Jahrhunderte prägten, schlossen sich auch für den „privaten Wohnungsbau“ zusammen. 

Hört sich historisch höchst interessant an. Die Frage war aber warum…
…es hier so entzückend ist kann ich gerne sagen. Der Zauber des Bregenzerwaldes basiert auf einer weltweit einzigartigen Architektur, einer sowohl rauen als auch geschmeidigen Topografie sowie einer herausragend leckeren Küche.

Bitte verzeihen Sie, aber Sie hören sich an wie Direktor des Tourismusverbands.
(lacht). Ich weiss schon seit 45 Jahren wie schön es hier ist, schliesslich bin ich 1977 in Mellau – also inmitten des Bregenzerwaldes – auf die Welt gekommen. Im Ernst: die Leute zieht es einfach immer wieder hierher. 

Wen meinen Sie da?
Einer meiner Kunden ist ein absoluter Pionier in der deutschen Auto-Industrie. Er hat den Bregenzerwald in sein Herz geschlossen hat. Mehr noch: er liebt ihn! In keiner anderen Region auf der Welt, so sagt er es immer, sehe man so viele tolle Häuser, könne so gut essen. Und er war wirklich schon überall, hat überall Häuser auf der Welt. Hier fühlte er sich jedoch am wohlsten.

Haben Sie für ihn schon etwas entworfen?
Mittlerweile drei Häuser. Ein Haus steht am Bodensee. Eigentlich hat er mich beauftragt so eine toskanische Villa für ihn dort zu bauen. Toskana am Bodensee? „Geht gar nicht“, habe ich mir gedacht. So ein rosa Ding mit Säulen am Bodensee? Also habe ich ihm halt ein richtiges Haus geplant. Eines mit grosszügigen Verglasungen, modernen Formen – und mit ganz viel heimischem Holz im Innenraum.

Genussvolle Lebenskunst, heisst es auf der Vorarlberg-Homepage.
Für die 32000 Menschen hier, die in den 24 Gemeinden leben, ist das die einzig wahre Philosophie für ein gelingendes Leben. Einerseits sind wir – und das wird uns zu Recht nachgesagt – engstirnig, eigenbrötlerisch. Gleichzeitig aber auch weltoffen und warmherzig. Wir sind einfach anders als alle anderen.

Wie sind Sie aber selbst zur Architektur gekommen?
Nach meinem Maschinenbau-Studium habe ich bei einem Holzbau-Betrieb im Bregenzerwald als Bautechniker angefangen. Wir haben Rennradbahnen, so genannte Velodroms, auf der ganzen Welt gebaut, ebenso Luxus-Ressorts wie das preisgekrönte „Vigilius Mountain Ressort“ im Südtiroler Lana oder das „LaPerla“ in Corvara. Das war alles Anfang des vorvergangenen Jahrzehnts. Nebenbei plante ich dann und wann mal für einen Freund ein „Häusl“ . Und dann noch eines für einen Verwandten, dann noch schnell eines für einen Bekannten meiner Musik-Kapelle. Um das aber auch offiziell machen zu dürfen, musste ich noch eine Zimmermeister-Prüfung absolvieren. Die habe ich halt dann gemacht, dann noch den Abschluss zum Baumeister. 

Das hat den Vorteil…
…das ich heute alles machen kann: planen, berechnen und bauen. Von der Hundehütte bis zum Atomkraftwerk. 

Davon stehen hier jetzt nicht ganz so viele, dafür tausend alte und leerstehende Bauernhöfe. „Junge Menschen wollen dort nicht leben, aus Angst, dass die notwendigen Renovierungen zu teuer und zu komplex sein würden“, heisst es im Buch „Belebte Substanz – Umgebaute Bauernhäuser im Bregenzerwald“.
Deswegen wird ein typisches „Wälderhaus“ oft auch nur teilweise saniert. 

Und der Rest dann irgendwann mal?
Vorne ist der Wohntrakt, der bekommt meist eine noble Schindelfassade. In der Mitte liegt dann der Zugang zur Scheune und hinten, der Wirtschaftsteil, hier muss oft eine etwas günstige Fassade ausreichen. Sie dürfen nicht vergessen: so ein Wälderhaus hat meist zwischen 400 und 500 Quadratmetern. Diejenigen, die nicht so viel Geld haben, bauen in den hinteren Teil meist noch zwei, drei Wohnungen rein um diese dann zu vermieten. So subventionieren sie ihr Bauvorhaben. Die anderen, die vielleicht ein paar Euro mehr auf dem Konto haben als junge Familien, bauen sich ein Büro, eine Praxis und in einigen Fällen noch eine kleine Wellness-Oase hinein. Oft wird so ein Haus auch von mehreren Generationen genutzt und zeitversetzt ausgebaut.

„Mittlerweile gibt es mehrere historische Bauernhöfe im Tal mit modernen Ergänzungen und Erweiterungen. Es ist ein Beispiel dafür, wie innovatives Design mit der Bewahrung des kulturellen Erbes verbunden wird“, frohlockt das „Österreich-Magazin“.
Natürlich bleibt das auch anderswo nicht unbemerkt. Heute kommen Architekten aus der ganzen Welt zu uns um sich durch und mit uns im Austausch inspirieren zu lassen.

Wie und wo lassen Sie sich selbst inspirieren?
Bei Wanderungen oder Radtouren mit Kind und Kegel durch die alpine Kulturlandschaft hier. 

Machen Sie dann mehr Sanierungen oder bauen sie neue Häuser?
Renovierungen und Sanierungen sind es nur so ein oder zwei im Jahr, alles andere sind Neubauten. Die Kunden wissen heutzutage oft schon ganz genau was sie wollen und wie es am Schluss exakt aussehen soll. Sie kommen mit Magazinen und ganz vielen „Pinterest“-Ausdrucken. „So muss es aussehen, Jürgen. Das bekommst Du hin, gell?“

Und?
Klar bekommen wir es hin. Das Wichtigste aber ist: zuhören. Zuhören, was ihnen wirklich wichtig ist – und diese Wünsche dann erfüllen. Eine Kundin wollte beispielsweise eine Bank vor dem Haus haben auf der sie sitzen und eins mit der Natur sein kann. Das war eigentlich keine Bank, eher ein Meditations-Altar. Und so sitzt die Roswitha heute darauf und schaut genau auf den „Säntis“. Für sie ist das Bankerl fast wichtiger als das Haus.

Wie viele Projekte haben Sie derzeit auf Ihrem Tisch?
Wir arbeiten mit sechs Leuten an 30 Projekten. Das geht von der Frau, die gerade einen Schuppen für ihre Gartengeräte hier in Reuthe möchte, bis hin zu dem italienischen Winzer, der in Udine sein Haus umbauen möchte.

Schaffen Sie das alles mit so wenig Leuten?
Langweilig wird uns nie (grinst). Einerseits ist das ein gutes, beruhigendes Gefühl dass die Auftragslage so gut ist. Anderseits ist das auch kein gutes Zeichen. 

Das müssen Sie bitte erklären.
Ich vergleiche das Architekturwesen hier immer mit einem Start-up in Berlin-Kreuzberg. Vor zehn Jahren war in Kreuzberg und hier in Mellau noch alles richtig wild. Diese Tischtennis-Mentalität, was so typisch für Jungunternehmen war, ist leider nicht mehr so vorhanden. Uns geht es vielleicht zu gut. Jeder von uns Architekten hat mehr als genügend Aufträge, jeder kann sich von uns zwei warme Mahlzeiten am Tag leisten. Um aber weiter eines der aufregendsten Regionen auf der Welt in Sachen Architektur zu bleiben, müssen wir wieder innovativer, frecher, bedeutsamer werden. Ich gebe aber selbst zu: ich stecke bis über beide Ohren in Arbeit, komme selbst zu nichts. 

„Was viele Manager im stressigen Alltag vergessen ist, dass sie sich Zeit nehmen müssen“, sagt Heiner Oberrauch, Gründer des weltgrössten Bergsportkonzerns Salewa. Zeit für sich, um nachzudenken. Oberrauch weiss, dass das im Alltag nicht immer leicht ist. „Die Zeit muss man sich aber nehmen, sonst verliert man nicht nur den Überblick, man wird selbst auch unglücklich. Das ist einer der wichtigsten Dinge, die ich schon sehr früh gelernt habe“, so der 65-jährige Unternehmer.
Deswegen habe ich neue Mitarbeiter eingestellt. Ich muss wieder mehr recherchieren, mehr lesen und mehr Zeit auf der Baustelle verbringen. 

Gibt es in der Region jemand, der mehr Häuser als Sie baut?
Sagen wir es so: ich kenne keinen. Das liegt aber auch daran, dass wir jedes Jahr richtig Geld in die Hand nehmen um unsere Häuser richtig in Szene zu setzen. Diese werden dann in Magazinen wie Raum und Wohnen und Häuser sowie in Büchern wie „die besten Einfamilienhäuser“ von Callwey veröffentlicht. Und so kommt es vor, dass ein Ulmer mit seiner Frau und seinen Kindern eines Tages vor unserem eigenen Haus steht. 

Wieso das denn?
„Es ist vielleicht etwas untypisch“, hat Dominik gleich gesagt. Aber: „Dürfen wir Euer Haus vielleicht mal schnell anschauen?“, hat er gefragt, nachdem ich – zugegeben etwas verdutzt – die Haustür aufmachte. 

Moment Mal. Mitten am Sonntag klingelt jemand bei Ihnen und fragt nach einem Ad hoc-Besichtigungstermin?
Er hat mein Haus, dass ich 2007 baute, in dem Buch „Die schönsten Einfamilienhäusern“ gesehen. Dann ist er zusammen mit Christine und den Kindern in sein Auto gestiegen und hierhergefahren. Ich habe die Familie mit meiner Frau Evi durch das Haus geführt, danach haben wir alle zusammen Kaffee getrunken. 

Und dann?
Drei Wochen später habe ich sein Haus in Ulm geplant. 

Was bei Ihnen auffällt: Sie sind in den sozialen Medien – vor allem auf Instagram – aktiv. Bringt Ihnen das was?
Instagram ist unser Schaufenster in die grosse weite Welt. Je mehr wir reinstellen umso mehr bleiben vor ihm virtuell stehen. So wie die Familie Rommel im Jahr 2015. Mir geht es ja genauso. Ich folge Architekten wie Matteo Thun, Reiulf Ramstad und Valerio Olgiati bei Instagram. Besonders inspirieren mich die Skandinavier, weil sie auch im Holzbau sehr konsequent und stark sind. Und im besten Fall inspiriere ich vielleicht auch ein paar andere Kollegen – wo immer sie auch auf diesem Planeten zuhause sind. 

Sie arbeiten sogar auch mit anderen Architekten zusammen. Ist der Zusammenhalt ähnlich stark wie die „Auer Zunft“ um 1650. 
Wir arbeiten bei einigen Projekten sogar wunderbar zusammen, da man sich auch untereinander ergänzt. Mir ist auch die Zusammenarbeit mit meinen Handwerkern sehr, sehr wichtig, da nur durch sie ein Werk schlussendlich so wird wie wir uns das vorstellen.

Können Sie das bitte begründen?
Am liebsten arbeite ich immer mit den zwölf Firmen zusammen, mit denen ich schon immer zusammenarbeite. Jede und jeder weiss, wie ich ticke, ich weiss wie sie alle funktionieren. Dabei fühle ich mich wie ein richtiger Dirigent. 

Ein Dirigent?
Ich schaue mir die Immobilie und die Lage sowie die die Wünsche des Kunden an – dann verbinde und verknüpfe ich alles wie ein Dirigent miteinander. Wenn mir das gelingt, sind wie im Orchester alle zufrieden: Streicher, Bläser, Trompeter, Hörner – einfach alle. Ich mache das zwar noch nicht so lange wie die Wiener Symphoniker, die seit 1946 bei den Bregenzer Festspielen hier in der Nähe auftreten, dafür glaube ich doch dann ganz gut. Zumindest hat sich noch kein Kunde über mein Ensemble bei den von mir ausgesuchten Holz- und Fensterbauern beschwert (grinst).

Was bereitet Ihnen Kopfzerbrechen?
Hübsche Bauherinnen. 

Wieso das?
Da bin ich morgens auf der Baustelle, bespreche mit den Handwerkern alles im Detail. Der Plan, wie wir alles machen werden, steht. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die hübsche Bauherrin am Nachmittag im Business-Kleidchen eintrifft. Dann zeigt sich jeder Handwerker von seiner Schokoladenseite, verspricht – vielleicht auch unter der Beeinflussung des einen oder anderen Hormons – etwas, was er später vielleicht nicht so einhalten kann. „Leute“, sage ich dann immer: „bitte seid doch so nett und sprecht mit der Frau ‚Soundso‘ über das Wetter oder über irgendetwas. Aber auf gar keinen Fall über Termine.“ Wenn zwölf Firmen gleichzeitig auf der Baustelle sind, weiss ein Handwerker oft auch nur ein Zwölftel aller Informationen, also 8,33 Prozent. Was danach immer feststeht, wenn der Handwerker nett zu Bauherrin war: 100 Prozent Chaos!

Wie bezeichnen Sie eigentlich Ihren eigenen Baustil?
Schlicht, unkompliziert, schnörkellos. Ich bin nicht derjenige, der Prinzessinnen-Schlösser baut, sondern Häuser mit Kanten und Ecken. Müsste ich heute ein Ranking der bedeutendsten und prägnantesten Welt-Architekturregionen erstellen, der Bregenzerwald wäre sicher in den Top 10.

Was unterscheidet Sie aber von Konkurrenten?
Was ich anderen Kollegen voraus habe sind die beiden Häuser „Tempel74“ in Mellau und das „Messmerhaus“ in Bildstein. Besonders stolz sind wir auf die Appartement-Häuser des Tempels. Für das Projekt von meiner Frau Evi und mir wurden wir mit einigen hochkarätigen Preisen ausgezeichnet und sind sogar für den „Staatspreis für Architektur“ nominiert. Das macht uns beide irre stolz. 

Wieso?
Weil ich mit meinem Büro, das unten im Tempel74 ist, Anlaufstelle für viele Architekten aus der ganzen Welt bin. Sie kommen hierher um eine gute Zeit zu haben und um mit mir die ganzen Projekte in der Gegend zu besichtigen. 

Sie sind eine Art Stadtführer?
Projekt-Führer würde es eher treffen. Ich fahre mit ihnen herum, zeige ihnen unter anderem das Werkraumhaus in Andelsbuch und das Frauenmuseum in Hittisau. Viele sind von den Bushaltestellen in Krumbach überzeugt. Ich halte, wenn Sie so wollen, die Fahne für den Bregenzerwald und für alle Architekten und Baumeister hier hoch. 

Auch für „Schindel-Fans“, das sind kleine Holzstücke, die an die Fassade angebracht werden. In einem Podcast heisst es das sie das „Gore-Tex der Architektur“ seien.
Ähnlich teuer sind sie auch. Mit 100 bis 120 Euro je Quadratmeter muss man schon rechnen. Eine Fassade kostet ansonsten 75 Euro.

Warum sind sie so gefragt?
Weil sie seit Jahrhunderten als langlebiges Element geschätzt werden. Ich baue unfassbar gerne mit ihnen. Sie sind hier als Kulturgut nicht wegzudenken.

Holz war hier nicht immer en vogue. „Ein ordentliches Haus“, so hiess es früher, sei ein Steinhaus. Diejenigen, die Geld hatten, bauten mit Beton und Ziegelsteinen.
Das ist schon lange nicht mehr der Fall. Die Trendwende kam schon in den 80er Jahren, als junge Architekten aus Vorarlberg nach Skandinavien reisten um sich dort inspirieren zu lassen. Sie wurden zur treibenden Kraft hinter einer neuen alpinen Architektur: eine Bauweise mit viel Holz und Glas, die zu der Region passt und doch nicht traditionell alpin ist. Unsere Bauernhäuser sind also nicht so wie in Kitzbühel Klischee. Wir leben in der naturverbundenen Realität und nicht in einem künstlichen und jodelnden Hollywood-Dorf. Da müssen Sie nur die fragen die hier verzaubert wurden (grinst).

©Malte Jäger

Text: Andreas Haslauer

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