Eine weitere Ingenieur-Meisterleistung an der Nord-Süd-Achse

Eine weitere Ingenieur-Meisterleistung an der Nord-Süd-Achse

Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Verantwortlicher für Digitale Prozesse in der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese achtteilige Kolumne aus Anlass der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels besucht er 2020 diverse Orte im Städtedreieck Bellinzona-Lugano-Locarno.

Blick vom Monte Carasso, Gasgètt, über die Magadino-ebene auf die Ceneri-Nordrampe und den Monte Tamaro.

138 Jahre lang, also von 1882 bis 2020, haben alle Züge auf der Nord-Süd-Achse den 554 m hohen Monte- Ceneri-Pass in zwei kurzen, richtungsgetrennten Scheiteltunnels unterfahren. Ab Ende 2020 wird das anders sein, dank dem neuen Ceneri-Basistunnel: Der Ceneri-Basistunnel als Teil der neuen Flachbahn – eine Eisenbahnstrecke, deren Verlauf sich nur in geringem Masse den örtlichen Begebenheiten und der Topografie anpasst – ermöglicht Fahrgeschwindigkeiten bis zu 250 km pro Stunde und reduziert die Fahrzeit von Zürich nach Lugano damit auf unter zwei Stunden. Auch die umständliche Reise von Locarno nach Lugano mit Umsteigen in Giubiasco wird neu 30 statt 50 Minuten dauern. 

Nach der Kolumnenserie „Gotthardbahn“ zur Eröffnung des längsten Eisenbahntunnels der Welt (siehe Modulør 2016) folgt nun die zum Monte Ceneri. Meine Tessiner Kollegen werden jetzt verstehen, warum ich in meiner letztjährigen Kolumne „Ein bewusster Halt in …“ zwar Wassen UR besucht, das Tessin aber konsequent ausgelassen habe. 

Der Ceneri-Basistunnel ist Teil des Projekts Alptransit. Die längere der beiden Einspurröhren misst 15 425 m und ist wenige Meter länger als der Furka-Basistunnel (15 381 m) und der historische Gotthardtunnel von 1882 (15 003 m). Das metamorphische Gestein wurde hauptsächlich im Sprengvortrieb ausgebrochen, nur beim Zugangsstollen zum Zwischenangriff Sigirino wurde eine Tunnelbohrmaschine aufgefahren. Entstanden ist ein Tunnel- und Stollensystem von 39 780 m. Zum Bau selbst werden dieses Jahr viele Fachartikel erscheinen. Ich werde Ergänzungen in kulturhistorischer Richtung liefern.

Der Monte-Ceneri-Pass ist dank eines Seitenarms des Tessin-Gletschers entstanden. Er separiert das obere, nördliche Tessin, das Sopraceneri, vom unteren, südlichen Tessin, dem Sottoceneri. Diese nebeneinanderliegenden Gebiete bilden erst seit 1803, dank einer durch Napoleon Bonaparte erzwungenen „Ehe“, einen Schweizer Kanton, wie Alt-Staatsarchivar Andrea Ghiringhelli auf der Website des Kantons anmerkt. Der Ceneri trennt nicht nur, er vereinigt auch. So hat das Tessiner Radio, als Ableger der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft, wegen seiner dort angesiedelten Sendeanlage, lange unter dem Namen „Radio Monte Ceneri“ auf Mittelwelle gesendet. Der Bundesrat Stefano Franscini (1796–1857) hat gar den Vorschlag gemacht, auf dem Ceneri-Pass den neuen Tessiner Hauptort Concordia, Einigkeit, zu gründen. Und für viele Deutschschweizer Männer steht der Monte Ceneri für das Tessin: In der Kaserne sind sie zu Artillerie-, Sanitäts- und Verkehrssoldaten ausgebildet worden.

Bis 1878 haben die drei Städte Lugano, Locarno und Bellinzona den Regierungssitz abwechselnd gestellt. Aus diesem Dreieck werde ich 2020 berichten und hoffe, die Orientierung zu behalten. Übrigens: Vom Nordportal Camorino in der Magadinoebene, also im Sopraceneri, führt der Ceneri-Basistunnel um 112,5 m hinauf zum Südportal in Vezia, im Sottoceneri gelegen. Welche Merkwürdigkeit!