Ein Hoch auf Uze und Eisenbahn

Ein Hoch auf Uze und Eisenbahn

Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Leiter Dienstleistungen und SIA-Form auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). In dieser achtteiligen Kolumne besucht er Orte, an denen man in der Regel vorbeifährt und die man selten bewusst besucht. Eindrücke vom Besuch vor Ort am 07.09.2019.

Sieben Ortsteile, Dörfer genannt, zählt die Gemeinde an der Grenze zwischen Toggenburg und Fürstenland, die heute Uzwil heisst. Im Intercity nach St. Gallen sind mir die kurvenreiche Strecke sowie die grosse, überbaute Fläche im Umfeld des Uzwiler Bahnhofs oft aufgefallen. Für meinen Besuch habe ich eine andere Anfahrtsmöglichkeit gewählt. Bis 1964 hat die Gemeinde Uzwil noch Henau geheissen – benannt nach dem ältesten Dorf der Gemeinde. Von Wil aus peile ich diesen Gemeindeteil mit dem Postauto an, der mittels der Thurbrücke von Ingenieur Robert Maillart aus dem Jahr 1933 mit dem Fürstenland verbunden ist.

Der Turm der katholischen Kirche von Henau ist das älteste Gebäude der Gemeinde. Die Holzbalken der Turmböden sind gemäss dendrochronologischen Gutachten um 1458 gefällt worden. Nach dem Zweiten Kappelerkrieg haben sowohl Reformierte wie Katholiken die Kirche paritätisch beansprucht. Später haben die Katholiken die Turmfahne durch ein Kreuz ersetzt, was zu Tumulten geführt hat. Seit 1873 besitzen die Reformierten in Unteruzwil ihre eigene Kirche. Heute erinnern auf der Turmspitze sowohl ein Kreuz wie auch ein Hahn an die Zeiten der Parität. Henau ist in erster Linie Wohngebiet. Passend zu einem in den letzten Jahren aufkommenden Trend, lädt auf der kurzen Überlandstrecke zwischen Henau und Unteruzwil ein Plakat des Kultur- und Dorfvereins zum Oktoberfest Mitte September ein. Das Vereinsleben spielt hier eine wichtige Rolle.

Mir ist es schwergefallen, das Zentrum der Gemeinde zu finden. Vermutlich gibt es das nicht, weil die Gemeinde in den einzelnen Dörfern ihren Ursprung hat. Zwischen den Dörfern Unteruzwil und Oberuzwil haben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Fluss Uze erste Betriebe dessen Wasserkraft zu nutzen begonnen. Im Laufe der Zeit haben sich dort weitere Betriebe mit den Fabrikantenvillen und Arbeiterhäusern angesiedelt, u.a. auch der heutige Technologiekonzern Bühler. Dessen grosses Industrieareal in Uzwil bezeugt seine weltweit führende Marktposition im Bereich der Verfahrenstechnik für die Lebensmittelverarbeitung.

Gerne hätte ich einen Blick auf die Villa Waldbühl geworfen, den Wohnsitz von Theodor Bühler, Mitglied der zweiten Generation der Bühlers. Dieses vom englischen Architekten Mackay Hugh Baillie Scott im Jahr 1911 errichtete Gebäude ist leider durch Schilder „Waldbühl, privat, kein Durchgang“ abgeschirmt. Scotts Stil der Arts-and-Crafts-Bewegung gilt als eine Inspiration für das Bauhaus, das in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden ist. Damals ist dieses Gebäude als für den Ort unpassend kritisiert worden, heute ist es ein Kulturgut von nationaler Bedeutung.

Nur weil es dem Industriepionier und Politiker Matthias Naef gelungen ist, die kurvenreiche Linienführung der Eisenbahnstrecke Wil–St. Gallen zu propagieren, konnte sich Uzwil zum wichtigen Industrieort entwickeln. Welche Rolle würde Uzwil spielen, wenn die Bahnlinie wie zuerst geplant von Wil direkt über Oberuzwil nach Flawil gebaut worden wäre? 

 

Text: Urs Wiederkehr

Tags: