Sehen, verstehen und bestehen

Idyllisch, gut angebunden und daher als Wohnort sehr geschätzt, hat sich die politische Gemeinde Arlesheim als wohlhabender Vorort der Stadt Basel etabliert. In nächster Nähe zum bekannten Arlesheimer Dom sowie zur Eremitage, dem bedeutenden englischen Landschaftsgarten, reihen sich die Gebäude der St.-Ottilien-Stiftung an der Oberen Gasse ein. Diesen historischen Bauten durften sich die lokalen Architekten von Flubacher Nyfeler Partner widmen und ihnen mit viel Liebe zum Detail, enormer Sorgfalt sowie grossem Engagement neues Leben einhauchen – und im gleichen Zuge ein Stück Identität wieder herstellen.

Die Liegenschaft Obere Gasse 14 entstand im Laufe der Jahre aus drei ehemaligen Gebäuden, datiert über dem Türsturz mit der Jahreszahl 1695 – zur linken Seite direkt an das kantonal denkmalgeschützte Taunerhaus angrenzend, welches den Abschluss zu einem kleinen Gässlein am westlichen Dorfrand bildet. Eigentümerin des Ensembles ist die St. Ottilien, Hilfe- Schutz- und Segen-Stiftung, die 1937 von der Stifterfamilie Häner gegründet wurde. Die Obere Gasse 14 diente fortan als Altersheim – Ordensschwestern führten das erste kleine Altersheim mit dem Namen Ottilienheim in Arlesheim. 1985 wurde das Altersheim durch ein therapeutisches Wohnheim für junge Menschen ohne körperliche Einschränkungen abgelöst. Nach Jahren der Heimnutzung stand schlussendlich die Frage nach dem angemessenen Umgang mit der sanierungsbedürftigen Bausubstanz im Raum, in welchem Zusammenhang das lokale Architekturbüro Flubacher Nyfeler Partner 2018 eine Machbarkeitsstudie im Direktauftrag durchführte. Neben dem Entscheid, das Gebäude und somit das bekannte Ortsbild bestmöglich zu bewahren, blieb man auch dessen ursprünglicher Wohnnutzung treu, wobei neuerdings sechs Mietwohnungen im strassenseitigen Bau und ein Einfamilienhaus in der rückseitigen ehemaligen Scheune untergebracht sind.

Gut analysiert
Doch bevor mit den eigentlichen Planungs- und anschliessenden Bauarbeiten begonnen werden konnte, wurde dem Bestand sowie seiner Geschichte viel Aufmerksamkeit geschenkt. Um sich sowohl vom Zustand als auch von der Identität des Hauses ein Bild machen zu können, wurde insbesondere der rechte Gebäudeteil – von der Oberen Gasse kommend – komplett sondiert und studiert. Dabei hatte das historische Gebäude so einige Überraschungen für die Architekten bereit: Neben löchrigen Mauern und in Mitleidenschaft gezogenen Holzbalken hat die sorgfältige Bestandsuntersuchung jedoch auch schöne Details offenbart, die sich als handwerkliche und künstlerische Besonderheiten entpuppten. So konnten unter der später hinzugefügten barocken Ausstattung wertvolle Grisaille-Malereien gefunden werden, die dank Restauration nun auch künftig in einer Wohneinheit auf vereinzelten Deckenabschnitten im Haus erhalten bleiben. Diese besondere Maltechnik ist ausschliesslich in Grau, Weiss und Schwarz ausgeführt und beruht auf reiner Schattenwirkung, wodurch eine ganz besondere, fast andächtige Raumatmosphäre geschaffen wird. Doch auch weitere Elemente wie die eindrücklichen Eichenpfeiler, die die Teilunterkellerung stützen, sowie das sichtbare Gebälk des Hauses zeugen von der weit zurückreichenden Geschichte des Baus. Eine Historie, die die Architekten in ihren Entwurf miteinbezogen und somit das Prinzip der Tabula rasa von vornherein ausgeschlossen haben. 

Im Hinterhof
Gut versteckt, von der Strasse abgewandt und durch die schmale Seitengasse erschlossen, befindet sich seit den umfangreichen Umbauarbeiten ein grosszügiges, zweigeschossiges  Einfamilienhaus: Wie schon zuvor behauptet sich hier der ehemals als Scheune genutzte Holzbau, der erneut in ein dunkles Kleid aus lasiertem Tannen- und Fichtenholz gehüllt ist. Hierfür wurde im oberen Geschoss sogar die originale Lattung behalten und im Sockelbereich mit einer schmaleren Fassadenlattung ergänzt. Kaum zu glauben ist dabei, dass die Scheune als Neubau umgesetzt wurde, wobei die Dachstuhlkonstruktion belassen und für die Bauarbeiten mühevoll aufgestützt und verstärkt wurde. Dank dieser arbeitsintensiven Bemühungen bleibt das hölzerne Gebäude in seiner Optik voll und ganz erhalten, erinnert formal an die vormalige Funktion und bleibt gleichzeitig dem ursprünglichen Gestaltungsmotiv treu. Um jedoch der Wohnnutzung gerecht werden zu können, wurden Fenster in die zuvor komplett geschlossene Fassade eingesetzt, die sich mit ihren schwarzen Rahmen unauffällig in die Gebäudehülle integrieren oder auch hinter die Fassade gesetzt wurden und daher scheinbar ganz verschwinden – breitere Abstände der Lattung gewährleisten dabei Sichtschutz und Belichtung zugleich. Kontraste sind in der Innenraumgestaltung zu finden: Während sich die Innenräume grösstenteils dezent mit fein abgeriebenem Kalkputz und geöltem Eichenholzparkett präsentieren, stellen das Badezimmer sowie die Küche ein farbliches Highlight dar. Eine dunkelgrüne Küchenzeile mit Chromstahlarmaturen bespielt den Wohn- und Essbereich und setzt einen farblichen Akzent. Eben jener markante Farbton wird auch im Badezimmer aufgegriffen, wo rechteckige, vertikal verlegte Fliesen in Kombination mit einem schwarzen Boden die Erscheinung bestimmen. Eine moderne und grosszügige Wirkung verleiht die enorme Raumhöhe zusätzlich dem ersten Obergeschoss, die dem bestehenden, dimensionsvorgebenden Tragwerkkonstrukt geschuldet ist, sodass einzelne Räume bis direkt unter den Giebel reichen.

Individualität
Von einer ganz eigenen Atmosphäre sind die insgesamt sechs Wohneinheiten im Hauptgebäude geprägt. Die bestehende Kammerstruktur wurde beibehalten, und so hat jede Wohnung aufgrund der verschiedenen Grundrisse und Grössen ihren eigenen Charakter. Erschlossen werden alle durch einen zentralen Korridor, der durch die gesamte Gebäudetiefe reicht und von wo eine neue,Ortbetontreppe mit Holzauftritten in die Obergeschosse führt. Bereits beim Durchschreiten der Eingangstür wird der historische Charakter des Hauses ersichtlich, wo einem die vom Leben gezeichneten Balken ins Auge springen, die teilweise sogar mit historischen Bemalungen geschmückt sind – ein Muster, das bisher nur zweimal in Baselland gefunden wurde. Auch das überaus detailreiche neue Treppengeländer, das als Staketengeländer mit einer Zierhülse ausgeführt wurde, dient gleichermassen als Deko-Element, welches einen gewissen historischen Anschein vermittelt. Weiter überraschen die 1- bis 3-Zimmer-Wohnungen mit ihrer sorgfältig gewählten Ausstattung, die den Charakter des Bestands dezent aufnehmen und ihm zugleich einen modernen Anstrich verleihen. So wurden zum Beispiel die Radiatoren bewusst sichtbar in die Räume eingefügt, gestemmte Türen nach den barocken Vorbildern eingesetzt und für den Parkettboden ein eigenes Leitermuster überlegt, welches die durch die Deckenbalken geschaffene Struktur am Boden widerspiegelt. Einen Kontrast zu den modernen Elementen wie den Wohnküchen bilden dabei insbesondere ebenjene originalen Decken in den Wohnungen aus, die aus statischen und akustischen Aspekten als Holz-Beton-Verbunddecken gewandelt wurden. Hinsichtlich bauphysikalischer Anforderungen mussten auch die Aussenmauern aus Bruchstein angepasst werden: Während diese teilweise wie ein scheinbares Fass ohne Boden Mörtel verschluckt haben, wurden sie auf ihren Innenflächen mit einem 3 bis 7 cm starken mineralischen Dämmputz versehen, um deren U-Wert letztlich zu halbieren. Nachdem Ausnahmen bekanntlich die Regel bestätigen, unterscheiden sich die beiden obersten Wohnungen in ihrer Gestaltung etwas deutlicher von den darunterliegenden. So ist hier nicht nur eine ehemalige, nun denkmalgeschützte Fachwerkmauer ein raumprägendes Element, sondern es sind vor allem der alte Dachstuhl sowie die Schrägen des Satteldachs bestimmend. Aufgrund dieser baulichen Gegebenheit hat die grössere der beiden Dachgeschosswohnungen ihre ganz eigene Grundrissaufteilung bekommen und zeichnet sich durch einen unverkennbaren loftartigen Charakter aus. Umspannt von den Balken, ist der dunkelgrüne Küchenblock fast mittig in die Wohnfläche gesetzt und zoniert diese in einen Tag- und einen Nachtbereich. Mit weiteren Einbauschränken wurde der offene Grundriss zusätzlich gegliedert. Das Badezimmer fügt sich als Einbaumöbel entlang der Giebelwand in den offenen Raum ein.

Gemeinsames
So individuell die Wohneinheiten in gewisser Weise auch sein mögen und auch die Wohnraumnutzung nun etwas privater als zuvor gestaltet wurde, findet gleichermassen das Thema der Gemeinschaft hier seinen Platz. Passend zur oftmals geschätzten Nachbarschaft in ländlichen Gegenden sowie den gemeinschaftlichen Idealen der St.-Ottilien-Stiftung der römisch-katholischen Stiftung der Pfarrei Arlesheim nach und um letztlich das Fehlen von Balkonen wettzumachen, wurde der Innenhof dementsprechend umgestaltet. Als gemeinschaftliche bekieste Aussenfläche, die dank des L-förmigen Gebäudeensembles einen geschützten und privaten Charakter bekommt, wurde jeder Wohneinheit hier eine eigene Zone zugeteilt. Eine vorteilhafte bauliche Situation, die den schmalen und dafür umso tieferen Parzellenteilungen geschuldet ist.

Qualitäten erhalten
Dem Thema Wiederverwendung von Bauteilen wurde in der Ausführungsphase deutlich Gewicht gegeben, indem versucht wurde, möglichst viele Bauteile, die aus dem Abbruch der alten Scheune stammten, wieder eingebaut werden konnten. Letztlich sind einige Deckenbalken so nur rund 50 m weitertransportiert worden. Der Weg ist bekanntlich oftmals das Ziel – auch wenn dieser wie in diesem Fall viele Überraschungen hinsichtlich Gestaltung und Planung mit sich brachte. Doch dass sich Herausforderungen fast immer bezahlt machen, zeigt dieses Projekt ganz deutlich auf: Denn neben den Themen wie der Wiederverwendung von Bauteilen wurde hier in Arlesheim der Geschichte und damit gleichzeitig der Identität des Gebäudes eine hohe Wertschätzung gezollt. Hierfür wurde nicht nur der historische Charakter in die Gestaltung aufgenommen, sondern viel Energie in die Erhaltung von Bauteilen gesteckt. Da die Bestandesbauteile nicht immer ausreichten, wurde beispielsweise die Schalung für die Scheune mit Brettern aus einem Abbruch im Laufental ergänzt – sodass diese in derselben Dimension und Erscheinung wieder errichtet werden konnte –, und beim Hauptgebäude wurde für die Deckenbretter ein Boden aus einem alten Tramdepot in Basel verwendet, aber auch die insbesondere seltenen, handwerklich herausragenden Malereien konnten für die nächsten Generationen erhalten werden. Alte Gebäude genau zu sehen, lernen, diese durch und durch zu verstehen sowie letztlich deren kulturelle und gestalterische Werte bestehen zu lassen sind unumgängliche Methoden im Umgang mit unserer bestehenden Architekturlandschaft.

©Archibatch

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