Im Wandel der Zeit

Bereits seit vielen Jahrzehnten schmückt ein historisches Herrschaftshaus die Neunkirchner Vordergasse, das über die Zeit hinweg viele Wandel miterlebt hat und dabei von einem jeden in gewisser Art und Weise geprägt worden ist. Während die Innenräume mit viel Feingefühl stets an die Anforderungen der neuen Bewohner sowie den jeweiligen Gestaltungstrends angepasst wurden, gleicht seine äussere Erscheinung beinahe noch immer dem ursprünglichen Zustand. Überaus kunstvoll wurden nun erneut die traditionellen Elemente und der historische Charme des Gebäudes mit modernem Design kombiniert und so ein einmaliges Wohnhaus – auch für zeitgenössische Kunst – geschaffen.

Historische Gebäude stellen ihren eigenen, ganz besonderen Reiz dar – sie versprühen ihren individuellen Charme und haben aufgrund ihrer weit zurückreichenden, meist prägenden Geschichte sowie ihren unzähligen, verschiedenen Ecken und Kanten immer wieder neue Überraschungen parat. Somit stellen sie jedoch gleichzeitig eine besondere Herausforderung dar: Genau so einer Bauaufgabe hat sich der Neunkirchner Architekt Martin Haist angenommen und dem bestehenden Ensemble aus verschiedensten, historischen Baumassnahmen mit bedachten Eingriffen ein weiteres Kapitel hinzugefügt.

Gebautes Geschichtsbuch
Auf den ersten Blick zeigt sich der ursprüngliche Vielzweckbau als einer von vielen dreigeschossigen Baukörpern im historischen Kern Neunkirchs, der in der für die Region üblichen Fachwerkbauweise und mit einem Wohn- sowie einem rückwärtigen Ökonomieteil gebaut ist. Den Abschluss des alten Gebäudes bildet ein symmetrisches Satteldach, dessen Dachstuhl zum grössten Teil auf dessen Originalzustand zurückzuführen ist. Selbst das tragende Gerüst des ehemaligen Herrschaftshauses hat die Jahre gut überdauert, sodass noch immer dasselbe gut erhaltene, dreistöckige Stuhlgerüst mit  stehenden Längs- und Querverbänden das Rückgrat bildet. Nach und nach erfuhr das alte Bauwerk dann in verschiedenen, aufeinander folgenden Bauphasen kontinuierlich Erweiterungen, in welchen primär die Innenräume aus- und umgebaut wurden sowie die Wohnaufteilung zwischenzeitlich für drei Familien ausgelegt wurde. Letztendlich prägte die letzten grossen Baumassnahme gegen Ende des 19. Jahrhunderts die heutige Erscheinung der Ostfassade, die einer Baulücke der Zeilenbebauung zuzuschreiben ist, sowie der strassenseitigen Front des Erdgschosses. Hier wurden im Rahmen dieser Sanierungsarbeiten zudem die heutigen zwei Eingänge ausgestaltet, die jeweils einen separaten Zugang zum einstigen Ladenlokal und dem Treppenhaus bieten. So zeigt sich die Gebäudehülle der Öffentlichkeit optisch überaus einheitlich, während sich dahinter im Inneren des Baus aus dem späten 15. Jahrhundert ein Potpourri unterschiedlichster Epochen versteckt. Der Mix verschiedenster Stile erinnert – gestalterisch als auch atmosphärisch – an ein gebautes Geschichtsbuch, das aufgrund dieses Zusammenspiels eine einmalige Ausgangslage für den weiteren Umbau darlegte – und dabei bei Weitem keine Carte blanche darstellte. 

Neues Kapitel
Den erneuten – aber vermutlich nicht letzten – Wandel hat dieses Haus an der Vordergasse 23 mit seinen aktuellen Besitzern erhalten, die mit ihrer Liebe zur Kunst und zur Geschichte dem Haus einen neuen Geist einhauchten. Sofort dem Charme des alten Herrschaftshauses verfallen, kaufte das kunstaffine Paar im Sommer 2018 das rohe Schmuckstück und bewohnte das Gebäude vorerst weiterhin im unsanierten Zustand. Gleichermassen begeisterte sich auch der lokal ansässige Architekt Martin Haist für diesen Altbau: Getrieben vom eigenen Interesse hat er der Bauherrschaft seine fachliche Kompetenz sowie seine Unterstützung für den Umbauprozess angeboten und wurde mit offenen Armen begrüsst. Letztendlich garantierte das Zusammenspiel seiner Leidenschaft für das Projekt, seinem Faible für den sorgfältigen Umgang mit historischer Baukultur als auch die kooperative Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege sowie der Bauherrschaft das überaus gelungene Endergebnis, das als ein vorbildliches Beispiel für die Wertschätzung alter Bausubstanzen gesehen werden kann. So finden neuerdings in dem historischen Gebäude die Kunstgalerie „Georges Wenger“ im Erdgeschoss, die mit unterschiedlichen Anlässen künftig die Öffentlichkeit vermehrt einbinden soll, und die privaten Wohnräume der Bauherrschaft in den oberen Stockwerken zueinander.

Viel zu sehen
Durch die grossen Fensterfronten zur Hauptstrasse hin, lassen sich bereits beim Vorbeischlendern erste, flüchtige Blicke auf die Kunst im Inneren des ehemaligen Ladenlokals erhaschen: Während moderne Kunstwerke – darunter auch verschiedenste Drucktechniken – die neu verkleideten Innenwände zieren, zeugen die sichtbaren Altholzbalken, der kleine Holzofen sowie der originale Tonplattenboden oder auch das sichtbare Fachwerk im Garderobenbereich von der kunstvollen Alterung des Hauses. Dabei wurden die Innenwände weniger aus ästhetischen Gründen als vielmehr aus technischer Notwendigkeit heraus neu eingezogen. Denn diese verdecken nicht nur die sämtlichen neu gelegten Leitungen, sondern verkleiden auch die notwendige, innenseitige Dämmung – und stellen darüber hinaus nun eine zurückhaltende Präsentationsfläche für die ausgestellten Kunstwerke dar. Dennoch kommen bei all der Präsenz zeitgenössischer Kunst die historische Schmuckstücke nicht zu kurz: Historische Details, die von grossem handwerklichen Geschick gezeichnet sind, wie beispielsweise die originalen Fensterrahmen, schaffen einen Bruch zu der modernen Kunst in den aufgefrischten Innenräumen und stellen somit einen spannenden Kontrast zwischen Alt und Neu dar. Dasselbe gilt für die Eingangstür im Parterre, die als perfekte Nachbau der originalen Tür eine wahre, handwerkliche Meisterleistung präsentiert und sich somit eindeutig neben den zahlreichen Kunstobjekten behaupten kann. So wird hier die Geschichte der historischen Bausubstanz im direkten Kontrast zur modernen Kunst fortgeführt und formuliert so einen bewusst gewählten Gestaltungsprozess aus, der sich über die Jahre weiterentwickeln soll und darf.

Freier Raum
Angrenzend an die Galerie befindet sich im hinteren Gebäudeteil der ehemalige Ökonomieteil des Hauses, der einst als integrierte Scheune den nötigen Arbeits- und Wirtschaftsraum aufnahm. Hier schliesst nun eine raumhohe Glastür anstelle des einstigen Holztors das heutige Holzlager zum Aussenraum hin ab. Weiterhin ziert jedoch das alte Holztor der Scheune, neuerdings ausgehängt und an den Scheunenboden angelehnt, den nordseitigen Lagerraum und lässt dadurch den historischen Esprit weiterleben. Durch diesen Austausch konnte nicht nur Tageslichtanteil in dem Arbeitsraum deutlich erhöht und der Raum optisch vergrössert werden, sondern gleichzeitig auch die Dichtigkeit sowie die Dämmung des Ökonomieteils wesentlich verbessert werden. Dabei wird das einfallende Sonnenlicht durch den Lichtschacht zwischen dem Arbeitsbereich und dem Treppenhaus in der Mittelachse des Gebäudes weiter ins Hausinnere geführt, wodurch die Haupterschliessung enorm aufgewertet wird.

Gute Stube
Eben jenes zentrale Treppenhaus führt von den öffentlich zugänglichen Räumlichkeiten im Erdgeschoss in die pro Etage zunehmend privateren Wohnbereiche. Demnach kann das erste Obergeschoss mit den Gäste- und Aufenthaltsräumen sowie der Küche als halbprivate Übergangszone gesehen werden. Hier werden Gäste nur zu gern im repräsentativen Täferzimmer begrüsst: Die Einrichtung des historischen Salons wurde dabei bewusst sehr zurückhaltend gewählt, um den Fokus eindeutig auf die beeindruckenden barocken Wandmalereien und ihre Bildergeschichte zu lenken. An einer Stelle ist nun auch wieder der ursprüngliche Grundton ohne Vergilbung sichtbar, wofür der Restaurator Rolf Zurfluh bei einem Täferausschnitt unterhalb des Kapitels den Firnis, ein  Schutzanstrich aus Öl, aufgelöst hat. Nebst der handwerklichen Kunst sorgt hier jedoch auch die konsequent durchgezogene Detailverliebtheit für eine möglichst authentische Atmosphäre. Hierfür wurde selbst für Lichtschalter auf alte Modelle zurückgegriffen, die bewusst das Alter des Baus unterstreichen und vielmehr auch respektieren. Dennoch wurde wiederum mit anderen Akzenten die Moderne in den alten Gemäuern betont: Direkt von der hölzernen Stube führt ein Durchgang weiter in das nebenliegende En suite, das künftig für Kunstschaffende als Rückzugs- und Inspirationsquelle zur Verfügung stehen soll. Das neugestaltete moderne Bad, angrenzend an dieses Gästezimmer, bietet hier nicht nur einen farblichen Hingucker in den dunklen Holzräumen, sondern überrascht zudem mit einer klaren Linienführung, seinem weissen Inventar und der markanten, hellblauen Wandverkleidung.

Aufgetischt
Auch in der umgestalteten Küche des ersten Obergeschosses treffen Alt und Neu aufeinander: Noch immer erfüllt dort der originale, offene Feuerherd seinen Nutzen und verleiht dabei als stiller Zeitzeuge dem Raum eine nostalgische Atmosphäre. Einen starken Kontrast zu dieser historischen Kochgelegenheit bietet hingegen die neue Edelstahlküche, die einen interessanten Materialmix schafft und gleichzeitig ein einmaliges Spiel mit Lichtreflexionen wiedergibt. Mit der Absicht einer gezielten Lichtführung wurden auch explizit die Kücheneinbauten gegenüber des südseitigen Küchenfensters mit Spiegelfronten verkleidet, wodurch sich das Tageslicht streut und den Innenraum ausleuchtet. Darüber hinaus wurde im Rahmen der Umbauarbeiten das Esszimmer zur Küche hin geöffnet, eine Art Durchreiche und mehr Offenheit geschaffen. Optisch an Grösse hat die Essstube zudem durch das Entfernen der abgehängten Decke sowie dem neuen, lindengrünen Anstrich der Holztäfer gewonnen.

Stilmix
Mehr Raum hat nebst dem das Entrée im zweiten Obergeschoss erhalten, wofür in der zentralen Erschliessungsfläche eine Wand herausgenommen wurde. Kreisförmig um diesen neugeschaffenen Raum ordnen sich nun die unterschiedlichen Wohnräume der obersten Etage an – zwei Badezimmer, drei Schlafzimmer sowie zusätzlich ein Wohnzimmer. Erkennbar ist diese bauliche Massnahme weiterhin am Fussboden, auf welchem der unterschiedliche Bodenbelag weiterhin den ehemaligen Grundriss zeigt. Daneben steht im zweiten Geschoss erneut das Spiel mit verschiedenen Farbschemen und unterschiedlichen Materialien im Zentrum. Insbesondere im mittig angelegten Bad kommt dieser Gestaltungswille zum Ausdruck: Handgefertigte Tonziegel an der Wand, die damals per Handabdruck signiert wurden, und das alte Natursteinbassin treffen hier mit der gläsernen Trennwand der Dusche aufeinander, stellen dabei einen in sich stimmigen Kontrast dar und lassen den Raum dabei  grosszügiger wirken. Für eine kleine Überraschung sorgt hingegen das grosse Schlafzimmer nebst dem dezenten Tageslichtbad, in welchem der Besucher in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückversetzt wird. Typisch für das Rokoko ziert hier verspielter Stuck und eine helle Täfelung, die neu mit einer reversiblen Leimfarbe bemalt ist, das Zimmer. Die geschwungenen Linien und die fantasievollen Muster verleihen dem Raum eine wohltuende Leichtigkeit, die völlig konträr zu den massiven Steinmauern und dem uralten Fachwerk wirkt. Ein wahres Schmuckstück stellt hier die Schlafzimmertür dar, die als täuschend echte Holzimitation von wahrer Handwerkskunst zeugt – und selbst auf den zweiten Blick nicht als Nachbildung erkennbar ist.

Gut in Farbe
Zurück in die Gegenwart holt einen dagegen wieder der Sanitärraum auf der gegenüberliegenden Seite desselben Stockwerks und stellt einen kompletten Gegensatz zu den beiden vorher genannten, hellen Zimmern dar. Denn dieses ist komplett in einem dunklen Taupe-Ton gehalten, mit glatten Oberflächen ausgeführt, wird dank moderner Ausstattung den aktuellen Ausbaustandards mehr als gerecht – und profitiert durch den zentralen Lichtschacht sogar noch von Tageslicht. Doch damit ist es mit den Farbtupfern in dieser Etage noch längst nicht getan: Im zweiten, kleineren Schlafzimmer greift ein zartes Hellblau an der Wand eine Farbwelt auf, die sich in einer etwas versteckten mittelalterlichen Malerei am Fenstergebälk des Zimmers wiederfindet. Freigelegt wurde dieses Kunstwerk in mühsamer Eigenarbeit des Bauherren, der aufgrund seiner Kunstausbildungen und seines eigenen Interesses, kontinuierlich an dem Projekt „Vordergasse 23“ weiterarbeitet und -forscht.

Kunstvoll erweitert
Zusätzlich wurde im gleichen Stockwerk ein letztes, drittes Schlafzimmer im ehemaligen Arbeitszimmer neu eingerichtet. Angrenzend an das taupefarbene Bad erlaubt dieses, gegen Süden gerichtet und ab­gewandt von der Hauptstrasse, einen Blick auf die Hintergasse von Neunkirch. Ein neues Makeover erhielt die Südseite des alten Herrschaftshauses durch die Sanierung des Balkons, der aus statischen Gründen neu errichtet werden musste, dabei gleichzeitig erweitert wurde und das Wohnzimmer nun im Aussenraum fortführt. Seine leicht abfallende und asymmetrische Form erhielt die neue Aussenfläche aufgrund der zu schwachen Auflager, die eine weitere Auskragung nicht möglich machten. Abgewandt vom Rummel der Hauptstrasse lassen sich hier nun bis spät abends die Sonnenstrahlen sowie die umgebende Idylle geniessen. Noch mehr Genuss bietet darüber hinaus das vorgelagerte Wohnzimmer, in dem Kunst und Gestaltung aufeinander treffen: Verschiedene Linolschnitte sowie Kunstwerke unterschiedlichster Druckarten – allesamt aus der Hand des Bauherren – schmücken die alten Mauern, erweitern somit kunstvoll die Geschichte des Hauses und hängen dabei gleichzeitig eine neue Epoche an.

Manches bleibt
Während doch so einiges Neues – und in einer gewissen Art und Weise die Moderne – ihren Einzug in das historische Bauwerk gefunden hat, wurden mindest genauso viele alte Elemente bewahrt und in die Neugestaltung integriert. Folglich wird das Haus immer noch ausschliesslich mit Holzöfen geheizt – insgesamt verteilen sich sechs Stück über die drei Etagen – und die Böden sind im Originalzustand belassen. Weiter blieb der charakteristische Epochenmix des Gebäudes bewusst beibehalten und wurde bei genauer Betrachtung um eine neue erweitert. Dadurch wird die bereits langjährige Geschichte des Hauses um ein weiteres Kapitel erweitert – und wird künftig hoffentlich noch mit demselben künstlerischen Händchen fortgeführt.

 

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