Im Wandel der Zeit

Der Name Christoph Merian ist unweigerlich mit Basel verbunden – auch weit über seinen Tod hinaus. Dafür hat der Basler Kaufmann und Agronom selber gesorgt, als er im Einverständnis mit seiner Frau Margaretha Merian-Burckhardt 1857 testamentarisch eine Stiftung gründete „zur Linderung der Noth und des Unglückes“ und „zur Förderung des Wohles der Menschen“. Heute fördert die Christoph Merian Stiftung (CMS) den sozialen Zusammenhalt, die kulturelle Vielfalt und den sorgfältigen Umgang mit der Natur in der Stadt Basel. Zudem betreibt die CMS drei eigene Institutionen: einen Buchverlag, das Cartoonmuseum Basel und die Merian Gärten. Dort befindet sich auch der ehemalige Sommersitz des Stifterpaars, die Villa Merian, die nun unter der Leitung von Beer Merz Architekt:innen umfangreich saniert wurde und künftig wieder als Ort zum Feiern, Geniessen und Verweilen dient.

Christoph und Margaretha Merian haben sich ein Leben lang für Basel eingesetzt. Ihr Engagement war von tiefer Frömmigkeit und sozialem Verantwortungsbewusstsein geprägt. Gemeinsam unterstützten sie eine Vielzahl gemeinnütziger Werke. Der kinderlose Christoph Merian setzte seine Ehefrau und nach ihr die Stadt Basel zu seinen Haupterben ein. Einen Teil seines Besitzes, den rund 56 ha umfassenden Landsitz Brüglingen mit dem Herrschaftshaus bei Basel, erhielt das Paar als Hochzeitsgeschenk vom Vater des Bräutigams im Jahr 1824. Heute, genau 200 Jahre später, steht ein Teil dieser Grünfläche in der jahrtausendealten Flusslandschaft der Birs als botanischer Garten der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Aller Anfang
Im Zentrum der heutigen Merian Gärten steht eben jenes Haus, das um 1711 von Alexander Löffel als barockes Landschlösschen auf der Anhöhe oberhalb des Weilers der Brüglinger Niederterrasse als Herrensitz für das umliegende Landgut erbaut wurde. Der zweigeschossige Bau war von einem Walmdach bedeckt und wurde an der westlichen Seitenfassade von einem Abortturm sowie einem Schopf begrenzt und auf der südlichen Rückseite durch einen Treppenbau ergänzt. Nachdem die Villa mehrmals den Besitzer gewechselt hatte, erfuhr sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Umbau zum frühklassizistischen Herrschaftshaus. Hierbei wurde dem Gebäude als besonderes Merkmal ein Säulenportikus und eine offene Halle an der Gartenfront angebaut, und hinter der Villa wurde eine erste Gartenanlage angelegt. Der Dachstuhl wurde erhöht und ringsum mit Fenstern erhellt.

Steter Wandel
Kurz vor seinem Tod veranlasste Christoph Merian die letzte grosse Umgestaltung: 1858 beauftragte er den Basler Architekten Johann Jakob Stehlin d. J. mit dem Projekt. Der von J. J. Stehlin vorgeschlagene Neubau wurde verworfen und das bestehende Gebäude stattdessen umgebaut. Die damaligen baulichen Massnahmen prägen bis dato das Erscheinungsbild der Villa Merian: Die damalige Erneuerung umfasste äusserlich die Ummantelung des alten Mauerkerns mit Verputz, Stuck und Gusseisen, die Fenster des Obergeschosses wurden mit Verdachungen und Akroterien verziert, und die Einfassung des Baukörpers erfolgte durch Pilaster sowie Gesimsbänder. Die zurückgesetzte Attika wurde zugleich fassadenbündig mit einem flachen Walmdach ausgestaltet, und ein Glockentürmchen im Neorokokostil ziert seither den First. Im gleichen Zuge wurde der Portikus vor dem Eingang durch einen zweigeschossigen gusseisernen Pavillon ersetzt, der als Vordach sowie Balkon dient. Rückseitig wurde anstelle der Laube ein dreiachsiger gusseiserner Mittelteil mit einer offenen Halle errichtet, die mit Kunstmarmor ausgekleidet wurde. Als besonders repräsentative Räume dienen seither ein neobarocker Salon sowie das gartenseitige Boudoir, dieses wurde im Stile des Neorokoko gestaltet. In der nun luxuriös ausgestatteten Villa wohnte die Witwe Merian während weiterer 30 Jahre ganzjährig. Nach deren Tod gelangte das Gebäude 1886 in den Besitz der Christoph Merian Stiftung. Im Zuge einer umfassenden Aufwertung der Merian Gärten nahm die Stiftung – nach der Neugestaltung der Gartenanlagen in Vorder Brüglingen und dem Umbau der Neuen Scheune – mit der Sanierung der Villa Merian 2023 die letzte bauliche Etappe in Angriff. Nach der Sanierung steht das Haus für private Feiern, Seminare oder Cafébesuche zur Verfügung 

Hier und jetzt
Die Villa wurde 1970 unter Denkmalschutz gestellt. Wenn auch viel von der originalen Bausubstanz erhalten blieb und bspw. antike Möbel den historischen Charakter unterstrichen, ohne jedoch in Verbindung mit dem Originalbestand zu stehen, war die Villa letztlich ein dreidimensionales Puzzle verschiedener Elemente, denkmalpflegerischer Ansätze und des Zeitgeistes. Durch die Basler Architekt:innen wird das historische Gebäude nun wieder als ein Gesamtes betrachtet und auf sein Erscheinungsbild zu Merians Zeiten zurückgeführt. Den Auftrag für die umfangreiche Sanierung haben Beer Merz Architekt:innen, die zuvor bereits mit dem Gartenpavillon ein Gebäude in den Merian Gärten erstellt haben, als Folgeprojekt erhalten. Dabei galt es vorab, die besondere Stellung des Herrschaftshauses in Unterbrüglingen zu verstehen: Die Villa steht am Übergang vom Neubarock zur Gründerzeit, der neue Villenstil sowie damals innovative Bauelemente treten hier zusammen mit der Parkanlage in den Vordergrund und machen das Bauwerk zusammen mit der Ausstattung zu einem der bedeutendsten dieser Zeit im Kanton Basel-Landschaft. Bemerkenswert sind die  hier erstmals als Dekoration verwendeten gusseisernen Bauelemente am Portikus und an der Südseite. Das oberstes Ziel war daher, den wertvollen Bestand respektvoll in ein harmonisches Gesamtbild zu transformieren und der historischen Landmarke durch eine feinfühlige Kombination von Farbe und Materialität einen zeitgemässen Charme zu verleihen.

Analysiert, recherchiert, realisiert
Um dies zu ermöglichen, wurde das Haus in Absprache mit der Denkmalpflege genauestens untersucht, und etwaige Befunde wurden gesichert. Hierin hat sich insbesondere der Fokus der Projektbeteiligten auf die Decken und Wände gerichtet, deren ursprüngliche Farbgebung, Erscheinung und Haptik im Detail durch einen Farbschnitt analysiert wurden. Dafür haben die Restaurator:innen die Raufasertapete – die erst nach Merian-Zeiten aufgebracht wurde – abgetragen und die darunterliegenden Anstriche Schicht für Schicht abgenommen und somit die Geschichte der Wände offengelegt. Jedoch konnten im Inneren praktisch keine ursprünglichen brauchbaren Farbspuren gefunden werden, da die Sanierung 1970 zu umfassend war. Sodass sich die Architekt:innen vergleichbare Villen von Stehlin als Referenz für das Farbkonzept im Inneren genommen haben. Die Villa zeigt sich nun in warmen, natürlichen Farben und im Inneren mit einem kräftigen Farbkontrast zur dezenten äusseren Erscheinung. Die Zimmer haben einen erdigen Sepia-Anstrich erhalten, welcher die Räume elegant und zugleich warm wirken lässt. Das Treppenhaus wurde hingegen in ein tiefes Waldgrün getaucht, welches sich von unten bis unter das Dach durchzieht und gemeinsam mit dem dekorativen aus Sicherheitsgründen reversibel erhöhten Staketengeländer farbliche Akzente setzt. Abseits der Farbigkeit legte die Befundsicherung in den ehemaligen Schlafräumen des Obergeschosses weitere Referenzen für die Innengestaltung frei: In den 70er-Jahren war hier ein Spannteppich auf Trägerplatten verlegt worden, unter welchen sich ein schöner und für das Schlafgeschoss typischer Riemenboden aus Tanne versteckte. Dieser historische Holzboden wurde im Rahmen der Sanierung restauriert, ziert nun den künftigen Seminarraum der oberen Etage und wurde zugleich als Vorbild für die neu verlegten Parkettböden in den angrenzenden Räumen genommen. Gleichermassen wie in der Innenraumgestaltung bezieht sich auch die Fassadengestaltung auf die historische Erscheinung: Trotz der Schwarz-Weiss-Aufnahmen der Villa lässt sich anhand dieser eindeutig die zweifarbige Gestaltung der Gebäudehülle ablesen. Auf einem helleren Verputz heben sich die aufwendigen Architekturelemente wie Fenstereinfassungen, Läden und gusseiserne Verzierungen dank ihrem um einige Nuancen dunkleren Farbton ab und werden als Schmuck betont.

Blick nach oben
Farbenfroh sticht auch im Innenraum ein weiteres Schmuckstück hervor, wofür sich ein Blick nach oben auf alle Fälle lohnt: Das visuelle Highlight ist das Deckengemälde im Erdgeschoss, eine Illusionsmalerei mit blauem Himmel, Schwalben und Pflanzenranken. Mit Wattestäbchen mussten die Restaurator:innen hier die verfärbte Firnisschicht abtragen und legten durch diesen aufwendigen Prozess ein erneut helleres sowie lebendiges Bild frei. Zudem offenbarte die abbröckelnde Farbe an der Saaldecke den schlecht ausgeführten Verputz, dessen Zustand zusätzlich durch den natürlichen Alterungsprozess massgeblich verschlechtert wurde. So mussten an der Decke alle losen Farbschichten vorsichtig entfernt und der bröckelnde Putz darunter stabilisiert werden. Äusserste Vorsicht war dabei beim Stuck geboten, der nicht aus Gips, sondern aus leichtem, aber empfindlichem Papiermaché besteht, und so wurden nur die sichtbaren Schäden behoben. Ebenso wurde die aufwendige Wandvertäfelung mit vergoldeten Ornamenten wurden im Boudoir, dem Rückzugsort der Dame des Hauses, gereinigt, lose Ornamente wieder befestigt sowie fehlende Perlen aus der Umrahmung der Holzpaneele nachgebildet und wieder eingesetzt. Im Rahmen dieser Arbeiten wurden jedoch frühere Retuschen belassen und bewusst in Bronze ausgeführt, damit sich diese durch den dunkleren Farbton explizit vom ursprünglichen Blattgold abheben.

Umgang mit dem Bestand
Doch nicht nur die restauratorischen Massnahmen stellten eine Herausforderung dar: Vielmehr stand die Frage nach dem allgemeingültigen, richtigen Umgang mit historischem Bestand im Zentrum. Denn während es einerseits gilt, die alte Substanz und damit die Geschichte zu bewahren, müssen andererseits zugleich die neuen Anforderungen hinsichtlich Sicherheit, aktueller (Haustechnik-)Standards sowie zeitgemässer, nutzungsgerechter Ansprüche integriert werden. Allen voran die Brandschutzmethode, die in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege zwar technisch aufwendig, aber letztlich sehr dezent umgesetzt werden konnte. Eine wesentliche Frage betraf in diesem Prozess die Bauteilerhaltung, die durch den Einbau einer Hochdruckwassernebelanlage gewährleistet werden konnte und zudem eine Erneuerung der Innentüren ersparte. Auch wenn die Raumabschlüsse annähernd unberührt blieben, war diese Brandschutzmethode eine relativ invasiv. Ein durchgängiges Leitungssystem musste in den alten Wänden eingezogen werden und ist nun nur in den kleinen, silbernen Sprinklerköpfen an den Wänden erkennbar. Da in den diversen bisherigen Umbauten bereits sehr stark in die Struktur des Gebäudes eingegriffen worden war, wurde diese, doch sehr umfangreiche und eindrückliche Methode mit der unsichtbaren Leitungsführung überhaupt erst genehmigt. Daneben haben auch die Fenster viel Aufmerksamkeit erfahren, die vorab energetisch untersucht wurden und aufgrund vertretbarer Dämmwerte so belassen werden konnten. Lediglich einzelne Fenster mussten ersetzt werden und wurden vom Restaurator durch spezielle Maltechniken an die bestehenden angepasst und hierfür so angemalt, dass sie nun in einer Holzoptik erscheinen. Zudem wurde die grosse Fensterfront im Obergeschoss wieder komplett geöffnet, was einen freien Ausblick auf den Teich im Englischen Garten und das schmiedeiserne Geländer erlaubt.

Das richtige Mass
Denkmalschutz ist facettenreich – in der Herangehensweise sowie schlussendlich in der Umsetzung. Als die Villa 1970 unter Schutz gestellt wurde, folgte innen sowie aussen eine umfassende Restaurierung, wobei viele historische Elemente verändert, übermalt, rekonstruiert oder ergänzt wurden. Heute begegnet man historischer Bausubstanz hingegen mit einer anderen Wertschätzung und einer differenzierten Herangehensweise:  So lautet bei heutigen Restaurierungsarbeiten die Devise „nur so viel wie nötig“, wobei der Erhalt historischer Elemente das oberste Ziel ist und Interventionen somit vorwiegend reversibel gestaltet werden. Das bedeutet, dass die verwendeten Materialien und Farben wieder entfernt werden können, um zukünftigen Generationen die Möglichkeit zu geben, neue Techniken der Denkmalpflege anzuwenden. Unter Berücksichtigung dieser Richtlinien richteten die Architekt:innen zudem den Fokus darauf, bestmöglich auf das bekannte Bild zurückzuführen, die Raumstruktur einfach zu halten, die Reduktion als gestalterisches Mittel zu nutzen und damit künftig Multifunktionalität in den alten Mauern gewährleisten zu können.

©Mark Niedermann Photography

Meistgelesen

Meistgelesen