Im Gespräch mit Peter Moor

„Architektur widerspiegelt den Zeitgeist der Gesellschaft“ (Peter Moor) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Aktuell arbeiten wir an einem Wettbewerb für einen Kirchenneubau an einer exquisiten Lage – eine eher seltene Aufgabe. Verschiedene Projekte wie Restaurants, Wohnungsbauten, ein Schulhaus bis hin zu einem neuen Hallenbad sind mitten im Planungsprozess und bedürfen viel Liebe zum Detail.

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Im Sommer waren wir in Wales und in England und haben in den Häusern, die Alain de Botton mit John Pawson und Peter Zumthor gebaut hat, einige Tage verbracht. Es war eine eindrückliche Erfahrung – vor allem auch die Bauten im Dialog mit der Landschaft zu erleben. Im Frühsommer hat uns die Büroreise nach Belgien geführt, wo wir unter anderem die St.-Rita-Kirche von Leon Stynen besucht haben. Der Innenraum, welcher lediglich durch Zenitallicht erhellt wird, hat mich dort sehr berührt.

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Material ist meiner Meinung nach „unschuldig“. Es liegt in den Händen der Architektinnen und Architekten, daraus etwas Schönes entstehen zu lassen.

Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Eine schwierige Frage. In unseren Arbeiten besteht sicherlich die Absicht, danach zu streben. Aber Schönheit ist bekanntlich vielschichtig, wobei es in der Gestaltung dennoch gewisse Grundregeln gibt. Mies van der Rohe hat sich oft an das Verhältnis von 3:5 gehalten – kein schlechter Ratgeber, wenn Sie mich fragen. Schlankheit und Filigranität verbunden mit einer gewissen tektonischen Komplexität machen in meinen Augen ein Objekt für den Betrachtenden interessant. Letztlich liegt auch in ganz einfachen organischen Formen, wie sie beispielsweise Oscar Niemeyer angewendet hat, eine schlichte Schönheit.

Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Wenn eine Aufgabe an einem spezifischen Ort sinnstiftend und charaktervoll gelöst wird, sodass der Ort durch den Eingriff aufgewertet wird und an Identität gewinnt, ist man auf der Spur von Architektur. Die obigen Aspekte zum Thema Schönheit spielen hierbei sicher auch eine Rolle.

Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Ich denke, dass ein ausgesprochen grosser Gestaltungswille vorhanden sein muss. Man muss Betroffenheit verspüren, wenn man durch die Welt läuft. Die Absicht, diese ein klein wenig besser zu machen, ist sicherlich das höchste Ziel.

Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Die eines Vermittlers, da Architektur den Zeitgeist der Gesellschaft widerspiegelt. Der Architekt verleiht mit seinen Ideen den Bauaufgaben eine spezifische Formensprache, welche wiederum in der Architekturgeschichte als Ausdruck einer gewissen Zeit verewigt wird. In dieser Rolle ist man als Architekt ein Vermittler zwischen aktuellen Wertvorstellungen und Bedürfnissen der Gesellschaft in Verbindung mit den baulich machbaren Möglichkeiten.

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Im Wissen, dass die meisten Partikularinteressen, welche in den Baugesetzen Eingang finden, eine Berechtigung haben, gilt es, darauf zu achten, dass es in der Summe all dieser Anliegen nicht dazu führt, dass man immer weniger Gestaltungsspielraum hat. Ich finde, es wäre an der Politik, hierauf zu achten und idealerweise wieder etwas mehr Einfachheit einzuführen – ein hehrer Wunsch in Zeiten der Verdichtung.

Kann Architektur die Welt verbessern?
Architektur kann für die Menschen deren Lebensräume verbessern. Ob dies für die Welt als Ganzes betrachtet zu einer Verbesserung führt, wage ich infrage zu stellen. Ein abendfüllendes Thema… übrigens die meisten der obigen Fragen.

Weitere Informationen zu dem Büro finden Sie hier.

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