Im Gespräch mit Anne Marie Wagner und Cédric Bachelard

„Bauen ist banal gesagt ein Stapeln, Schieben und Formen von Material.“ (Bachelard Wagner) In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Wohnungsgrundrisse. Die Spanne reicht dabei von günstigen Genossenschaftswohnungen bis zu den exklusiven Wohnungen im Hochhaus am Basler Irene Zurkinden-Platz. Uns ist es wichtig, dass architektonische Qualität und Wohnlichkeit nicht unter einem kleinen Budget leiden. Deshalb gibt es bei uns keine Standardlösungen. Wir feilen so lange an den Grundrissen, bis wir diesem Ziel gerecht werden. Daneben sind wir noch im Endspurt einer städtebaulichen Studie in Rheinfelden und wir klären die Projektorganisation für ein grösseres Bauprojekt, das erst im nächsten Jahr startet.

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Der venezolanische Pavillon von Carlo Scarpa in Venedig von 1956. Die Kombination spartanischer Materialien und präzise gesetzter Öffnungen für Lichtführung und Ausblicke erzeugt ein sehr sinnliches Raumerlebnis.

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Das Material selbst hat keine Absicht. Hinderlich sind Normen und Gesetze, die uns zwingen, auf gewisse Materialien zu verzichten. Grundsätzlich finden wir, dass die Kunst im Fügen und im angemessenen Einsatz von Materialien liegt. Wenn es finanziell nicht anders geht, muss auch das Haus mit Kunststofffenstern zu guter Architektur werden. Wir versuchen die Bauherrschaft aber immer für hochwertige und langlebige Materialien zu begeistern, die im Alter bestenfalls eine schöne Patina bekommen.

Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Bezogen auf die Architektur, ist sie aus unserer Sicht in guten Proportionen zu finden. Bei den ästhetischen Aspekten eines Entwurfs einigen wir uns über die gemeinsam als schön empfundene Proportion.

Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Bauen ist banal gesagt ein Stapeln, Schieben und Formen von Material. Kommt ein gewisses Mass an architektonischer Qualität hinzu, kann man von Architektur sprechen. Diese bewertbaren Qualitäten sind z.B. die räumliche und sinnliche Qualität, die Materialwahl, die Art, wie Elemente und Materialien gefügt sind, die Verankerung im städtischen, landschaftlichen, wie auch politischen oder kulturellen Kontext sowie Angemessenheit, Proportionierung und Präzision.

Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Geduld. Empathie. Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Bauherrschaft, dem Nutzer, sowie der Gesellschaft. Architektinnen und Architekten sollten die Fähigkeit haben, sich in die Situation von anderen hineinzudenken, die Bedürfnisse zu interpretieren und daraus Architektur zu machen, die für den Nutzer sinnvoll ist.

Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Anders als viele denken, geht die Realität für die Architektinnen und Architekten weit über die schöne Skizze, die spektakuläre Idee oder das Materialkonzept hinaus. Wir müssen den Spagat zwischen den Bedürfnissen der Nutzer, den Ansprüchen der Bauherrschaft, dem finanziellen Druck und dem Normenwerk schaffen. Diese oft konfliktreichen oder auch widersprüchlichen Anliegen und Auflagen kommen bei uns zusammen. Wir müssen diese sortieren und darauf eine hierarchisierte Antwort geben. Das ist eine Verantwortung, die wir übernehmen, weil es sonst gar nicht möglich ist zu planen. Wir spüren immer mehr die Tendenz, dass man seine Verantwortung auf die Eigeninteressen begrenzt, damit man keine Risiken eingehen oder über sein Aufgabenfeld hinweg Verantwortung übernehmen muss. Für uns heisst das: Prozesse versteifen sich und die Architektur leidet darunter. Bei der Komplexität der Inhalte ist es aber wichtig, dass man miteinander arbeitet und weiterdenkt. In der Schweiz funktioniert das noch verhältnismässig gut – in vielen anderen Ländern ist es schwieriger.

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Die Politik lenkt die Behörden, die strukturbedingt zu einer Vergrösserung des Normenwerks tendieren. Das ist nicht immer sinnvoll oder vernünftig – besonders, wenn es die Entwicklung eines Ortes oder einer Gesellschaft blockiert. Eine weitere Verantwortung liegt in der Bodenpolitik. Hier müssen die Politiker die wirtschaftlichen Interessen im Sinne der Qualität des Stadt- und Siedlungsraums abwägen.

Kann Architektur die Welt verbessern?
Ja.

bachelard-wagner.ch

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