Haus der Töne

Das einfache, kompaktes Bauvolumen von L2A Architekten AG ergänzt die bestehende Schulanlage mit grosser Selbstverständlichkeit. Herzstück ist der zentrale, nach oben offene Lichthof, in dem das „Haus der Töne“ geschossübergreifend hörbar wird.

800 Musizierende, 50 Unterrichtende, rund 30 Fächer – die öffentliche Musikschule der Berner Ortschaften Bolligen, Ittigen, Ostermundigen und Stettlen, ist gut besucht, Tendenz steigend. Um diesem Wachstum den nötigen Platz zu verschaffen, entschieden sich die Gemeinden für einen Neubau, da das bisherige Gebäude in die Jahre gekommen und entschieden zu klein war. Das realisierte Projekt ist ein moderner Holzbau und organisiert 19 Unterrichtszimmer und einen kleinen Konzertsaal. Eine Welt ausschliesslich im Zeichen der Musik. Zusätzliche, sogenannte „Übungsboxen“ sorgen dafür, dass die Lehrpersonen mehrere Lernende parallel betreuen können.

Bolligen liegt nordöstlich von Bern, die Jurakette, das Worblen- und das Emmental modulieren das landschaftliche Panorama. Die Gemeinde schrieb 2018 einen zweistufigen Gesamtleistungswettbewerb im selektiven Verfahren aus für das Projekt eines Musikschule- Neubaus. Ziel war dabei die Erlangung von architektonisch, ökologisch und ökonomisch optimierten Projektvorschlägen für ein mehrgeschossiges, hindernisfreies, langfristig gut nutzbares und dauerhaftes Gebäude. Auf fünf eingereichten Projekten gingen L2A Architekten AG aus Unterseen-Interlaken als Sieger aus dem Wettbewerb hervor.

Ihr einfaches und kompaktes Bauvolumen ergänzt die Schulanlage aus drei bestehenden Gebäuden mit grosser Selbstverständlichkeit. Der reduzierte Fussabdruck des Gebäudes berücksichtigt wiederum möglichst viel „Pausenplatz“ und einen idealen Abstand zu den Schulbauten hinsichtlich Besonnung resp. Schattenwurf und Ausblick. Die vorgeschlagene Setzung ermöglicht auf der unteren Erschliessungsebene der Anlage einen neuen Auftakt, gleichzeitig aber auch einen überzeugenden räumlichen Abschluss auf der Westseite. Form, Grösse, Körnung und Gebäudehöhe unterstützen die postulierte Integration des Neubauvolumens. Zudem bewahrt diese Situierung den bestehenden Baumbestand entlang der angrenzenden Kantonsstrasse weitgehend. Die Gebäudesetzung bildet ebenso eine adäquaten Adressierung der Musikschule zum ostseitigen Parkplatz sowie zum vorhandenen höhergelegenen Schulkomplex; die Aufnahme beider Richtungen hat zum erdgeschossigen Gebäudeknick geführt. Raum für Begegnung und Interaktion zu schaffen, war ein zentraler Kernpunkt, der den Entwurf geleitet hat. Mit bestmöglicher Orientierung. Ein als zentraler Lichthof resp. nach oben offenes Atrium ausgebildetes Foyer bindet die Erschliessungsschichten räumlich und lässt die in den Unterrichtseinheiten gespielte Musik frei bzw. geschossübergreifend fliessen.

Die Töne der verschiedensten Instrumente sind in der Bewegung durchs Gebäude allgegenwärtig, weben sich in die Sphäre der eigenen Wahrnehmung ein, weshalb das Foyer insgesamt als identitätsstiftendes Element wirkt, in einem «Haus der Töne» zu sein. Das Raumangebot deckt die qualitativen Ansprüche für den modernen Unterricht, welcher die Lernenden entsprechend ihrem Entwicklungsstand fordert und fördert – mit einer einfachen und robusten Struktur, einem punktgespiegelten „Windmühle-Grundriss“. Die öffentlichen Nutzungen obliegen dem Erdgeschoss. Hier ist die grosszügige Eingangshalle zugleich Ankunftsort, Treffpunkt und Foyer des integrierten, mit Parkett ausgestatteten Konzertsaals. Und von hier aus sind Blickbezüge in die Obergeschosse vorhanden, welche wiederum über unterschiedliche Ausblicke und Aufenthaltsbereiche und kurze Korridorwege verfügen. Der Konzertsaal erhält mit dem erweiterten Pausenplatz einen äusserst attraktiven Aussenraum, welcher zudem in die Nutzungsüberlegungen einbezogen werden kann. Die hohe Aufenthaltsqualität erforderte eine sorgfältige Farbgestaltung, Belichtung sowie insbesondere von Zimmer zu Zimmer den passenden Schallschutz.

Die Zwischenwände sind mehrschalig angelegt, um dem Luftschall einen Riegel zu schieben resp. die Durchmischung etwa von Posaunen- mit Geigenklängen einzudämmen. Im Raum selber sollen schräggestellte Wände das Flatterecho verhindern und dicke Vorhänge den Lehrpersonen die Akustikregulierung gewährleisten. Dafür reduzieren sich anderswo, etwa mit dem Korridor-Zementboden, die Aufbauschichten. Die vorgegebenen Gebäudekosten waren einzuhalten. Die Kompaktheit und daher optimierte Fassadenabwicklung waren weitere dafür wichtige Aspekte.

Das Gebäude hebt sich in seinem äusseren Erscheinungsbild mit der Holzfassade bewusst von der gebauten Umgebung ab. Ihm verleihen die unterschiedlich grossen und teils anders „getakteten“ Schalungsfelder aus Tannenholz, die durch die unregelmässig gesetzten, geschosshohen Öffnungen entstehen, einen verspielten Ausdruck. Ebenso der anders akzentuierte Sockel. Umlaufende Bänder definieren optisch die Geschossigkeit. Das Projekt verfügt über eine Minergie taugliche Gebäudehülle und ein klares Lüftungskonzept mit zwei Anlagen, entsprechend den verschiedenen Anforderungen für den polyvalenten Saal einerseits und für die Unterrichts- und übrigen Räume andererseits. Die Erweiterung des Pausenplatzes und dessen attraktive Gestaltung führt zu einer eindeutigen Kompensation der unvermeidlichen Flächenreduktion der Aussenbereiche. So ist der Neubau der Musikschule in Bolligen eine stringente Antwort auf die situativen und zugleich innenräumlichen Anforderungen. Das Bauvolumen integriert sich ebenso in die bestehende Schulanlage wie es diese mit seinem durchkomponierten Gefüge zu stärken und aufzuwerten vermag.

Text: Lukas Bonauer

©Dominic Fischer

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