Geschichte für alle

Im Zentrum aller und dennoch bis vor Kurzem nicht für jedermann war das Schloss Burgdorf, das seit Anfang des 13. Jahrhunderts über den Dächern der gleichnamigen Stadt thront. Zuvor als Verwaltungssitz des Kantons Bern und später als Justizgebäude samt Gefängnisort in Verwendung, findet sich nun hier eine Herberge als öffentlicher Begegnungsort samt einem vielfältigen Programm wieder. Das neue, ineinander übergreifende Nutzungskonzept inklusive Museum, Restaurant, Trauungszimmer und Übernachtungsmöglichkeit lässt die lange Geschichte erfahrbar werden und bringt gleichzeitig frischen Wind in die alten Gemäuer.

Seit jeher sind Burgen ein Ort der Begegnung, regen Treibens, Schauplatz üppiger Feiern sowie Zufluchtsort zum Schlafen. Um das Jahr 1200 wurde der romanische Profanbau in Burgdorf von der Adelsfamilie der Zähringer gross ausgebaut und die ältesten Bauteile – der Palas und der Bergfried – danach schrittweise stetig erweitert. So ergeben Verbindungstrakte, Nebengebäude und das baulich grösste Volumen – das Kornhaus – jenes heutige, repräsentative Ensemble, das Atelier G+S neu gedacht und bis ins kleinste Detail saniert und umgebaut haben. Schlafen in der Gefängniszelle, Heiraten im Schiltensaal, Staunen im Bergfried und Schlemmen am Rittertisch – unzählige besondere Momente bietet das liebevoll umgestaltete Schloss Burgdorf. Doch erst einmal zurück zum Anfang. 

Offen für Neues
Für das Schloss, das 2010 im Besitz des Kantons war, führte die Stadt damals einen Nutzungswettbewerb durch. 2017 wurde dann eigens für die Umnutzung die Stiftung Schloss Burgdorf gegründet. Mit ihrem Projekt „offenes Schloss“ und einem der Öffentlichkeit zugewandten Konzept überzeugten die ansässigen Architekten Atelier G+S – nicht zuletzt durch ihr starkes Eigeninteresse und ihrer Verbundenheit zum Projekt. So schafften sie angefangen vom Genuss, übers Feiern bis hin zur Wissensvermittlung ein rund um stimmiges Gesamtpaket, das von der spannenden Wechselwirkung mit dem historischen Bestand profitiert. Dank der vielen Bemühungen auch seitens des Stiftungsrats sowie der Jugendherbergen Schweiz verleiht nun seit Juni dieses Jahres ein einmaliges Hotel samt umfangreichen Rahmenprogramm dem mittelalterlichen Bau neuen Charme. 

Tore auf
Eine kontinuierlich ansteigende Kopfsteinpflasterstrasse führt die Besucher, durch die einstigen Tore hinauf, inmitten des geschützten Burghofs. Die neu gestaltete Lobby im ehemaligen Kornhaus heisst hier alle Ankommenden willkommen. Nicht nur die warme Farbgebung, sondern vielmehr auch die bedachte Selektion der Materialen lässt hier die Vorstellung kalter Steinmauern in den Hintergrund rücken – Wärme und Harmonie dominieren wahrlich die Atmosphäre. Wesentlich trägt hier auch der authentische Duft des Altholzbodens bei, der aus originalen, 270 Jahre alten Tannenholzdielen gefertigt wurde. Diese stammen vom darüberliegenden Dachboden des Kornhauses, wurden sorgfältig entfernt und drei Stockwerke tiefer genau in derselben Position wieder verlegt. Die Inneneinrichtung im Empfang ist – konträr zu den von Festigkeit trotzenden Steinmauern – völlig mobil gestaltet. So können Tische sowie Stühle schnell und einfach unter der Empore verstaut werden, die Geländerbrüstungen abmontiert und ein offener Veranstaltungsraum ermöglicht werden. Selbst dem verschliessbaren Wandregal gegenüber der verglasten Mauerbögen wurde eine Doppelfunktion zugeschrieben: Einerseits dient die raumhohe Konstruktion als dezenter Museumsshop und sorgt andererseits, als gut getarntes Akustikpaneel, für besten Raumklang. 

Verzaubern lassen
Über die wenigen Stufen des neu eingefügten Podests wird der Besucher weitergeführt und erhält Zutritt zu einer scheinbar fabelhaften Welt. „Die Wunderkammer“, das neue Gemeinschaftsmuseum des Schlosses, vereint in der neuen Kuration von Groenlandbasel und fischteich die ehemals einzelnen Ausstellungen des Völkerkunde- sowie Goldmuseums und der historischen Burgsammlung. Zudem ist in jedem Zimmer der Jugendherberge ein historisches Attribut präsent und ordnet gleichzeitig eine namensgebende Thematik zu. Die fusionierte Ausstellung erstreckt sich über die drei Stockwerke des Bergfrieds sowie den Obergeschossen des angrenzenden Palas und verzaubert mit ihrer einmaligen Komposition als auch der räumlichen Wirkung. Selbst der Rittersaal – im zweiten Obergeschoss – wurde original belassen in das Museumskonzept eingebunden und lädt – wenn nicht als Sitzungssaal des Rittersaalvereins verwendet – die Besucher mit einem Kurzfilm zum Verweilen ein.

Gewagt und Getraut
Ein weiteres Highlight sowie wesentlicher Programmpunkt des neuen Nutzungskonzepts findet sich im Schiltensaal wieder: Umgeben von tierischen Paaren und bekannten Duos des Alltags – Teile der neuen Ausstellung – können sich Brautpaare in diesem einmaligen Trauzimmer das Jawort geben. Mit Sicherheit trägt in diesen Räumlichkeiten die einmalige Grisaille-Malerei zur eindrucksvollen Stimmung bei, die während der Sanierungsarbeiten hinter Wandschränken und Täfer aus dem 17. Jahrhundert zum Vorschein gekommen ist. Für die gegenüberliegende Wand wurde diese weder aufgepinselt noch einfach tapeziert, sondern anhand eines Fotos von 1922 digital reproduziert, am Computer rekonstruiert und 1:1 als analoge Fotoemulsion direkt auf dem Putz entwickelt. Sodass das Schloss nun abseits der wertvollen Malerei auch das grösste Analogfoto für sich behaupten kann – ein absolut gelungenes Experiment. 

Durchblick wahren
Wenn nach einem langen, eindrucksvollen Tag im Museum oder einem ereignisreichen Festtag der Hunger treibt, lässt es sich im stilvoll umgesetzten Restaurant – angrenzend an die Lobby – genüsslich schlemmen. Zu der absolut umfänglichen Wohlfühlatmosphäre trägt die neu ausgestaltete hofseitige Gebäudefront bei: Die Architekten öffneten die einst vermauerten Bögen und setzten stattdessen bodentiefe Glasscheiben ein, wodurch der Tageslichtanteil im Innenraum enorm erhöht werden konnte. Einen weiteren besonderen Ausblick erlaubt eine neu eingefügte Glasplatte im Fussboden des Kornhauses, die das ehemalige darunterliegende Eingangstor offenbart. Im Rahmen der Sanierungsarbeiten wurden zudem zwei Lichtschlitze in der alten Wehrmauer freigelegt: Bewusst wurde das Mauerwerk unverputzt belassen, um ihr Konstruktionsprinzip sowie die mittelalterliche Bauweise erfahrbar zu machen. Tuffstein im Sockelbereich und Füllmaterial aus Sand-, Back- sowie Rundsteinen aus der Emme bilden die dicken Festungsmauern aus, die heute zu den frühsten Backsteinbauten der Schweiz zählen. Zuletzt wurde genau in dieser Fensternische – als Andenken an den kurz vor der Fertigstellung verstorbenen Chef der Kantonalen Denkmalpflege Michael Gerber – die handgefertigte Sitzbank aus schwarzem Stahl integriert, die dessen letzte Amtshandlung repräsentiert. 

Harmonisch
Passend zur Burgthematik wurde das moderne, schlichte Interieur aus schwarzem Stahl und Sichtbeton mit einem nachgebauten Rittertisch komplementiert. Gemeinsam mit einem lokalen Schreiner wurde der 4,5 m lange Esstisch umgesetzt, der originalgetreu ohne Zwischenbeine realisiert wurde. An den Wänden des öffentlichen Restaurants findet das Museum seinen Fortlauf: Abseits der vielen konstruktiven und gestalterischen Details lassen die stets wechselnden Bildergalerien im Essbereich – als ein Teil der Ausstellung – auch das Lokal zur „Wunderkammer“ werden. Für die akkurate Akustik in dem offenen Raum sorgt eine lackierte mitteldichte Leichtfaserplatte mit schallabsorbierender Lochung und einem Direktdruck versehen, hinter der sich gleichzeitig ein integrierter Stauraum versteckt.

Nichts zu beklagen
Den ehemaligen Gerichtssaal ein Geschoss höher sanierten die Planer und setzten diesen in dessen Optik von 1950 zurück. In diesem Jahr wurde der Saal gesamtheitlich saniert, sodass für eine Rekonstruktion des Originalzustands von 1862 nicht genügend Originalsubstanz gesichert werden konnte. Erschlossen ist der neue Festsaal sowohl durch das Treppenhaus als auch mit einer neu eingefügten Liftanlage, die gleichermassen vom Catering und beeinträchtigten Gästen genutzt werden kann. Doch anstelle von Klagesprüchen und wichtigen Entscheidungen werden hier nun freudige Anlässe und verschiedenste Feste für bis zu 80 Personen zelebriert – angefangen von Seminaren, den allseits beliebten Apéros oder auch Geburtstagsgesellschaften bis hin zu den geplanten Hochzeitsfeierlichkeiten. Doch nicht nur die Einrichtung zeugt hier von Eleganz, sondern vor allem die Integration der Lüftungsanlage lösten die Architekten mit äusserstem Geschick. Der Stuck wurde wenige Zentimeter von der Decke abgelöst und ermöglicht so – überaus unauffällig – die Luftzirkulation.

Türen zu
Abgerundet wird das Konzept des Erlebnis-Schlosses von der Übernachtungsmöglichkeit in einem der insgesamt 115 Betten der Jugendherberge, die auch für Feierlichkeiten wie Hochzeiten ein besonderes Ambiente bieten. Erschlossen wird der Grossteil der 31 Zimmer über die beibehaltene Treppe, deren Originalhandlauf hierfür extra den heutigen Standards angepasst wurde. Dabei gleicht keines der Schlafzimmer dem anderen: Die ehemaligen Gefängniszellen wurden mit modernen Sanitärräumen ausgestattet und gleichzeitig jeweiligen Themenschwerpunkten zugeordnet. So schläft es sich nun im sowohl „Lüdere“oder der Honeymoonsuite „Butigg“ samt Kachelofen als auch im „Loch“, in welchem immer noch die Türmechanik der alten Zellentür sowie die Wandkritzeleien der ehemaligen Insassen ersichtlich sind. Auch im restlichen Design hatten die Architekten völlige Freiheit: Gekonnt bewahrten sie den alten Charme und rundeten die Innenraumgestaltung mit einem individuellen Tapetenmuster ab, das in Zusammenarbeit mit Groenlandbasel fischteich entworfen wurde.Hierfür bedienten sie sich an Symbolen aus dem reich verzierten Kapellenfenster, dem Kokodilsmotiv, einem Exponat der Museumsausstellung, der Grisaille-Malerei und der gleichen Farbpalette.

Gut gebettet
Die grossen Mehrbettzimmer wurden in den Bauteil des gegenüberliegenden Palas und Halle ausgelagert. Diese sind mit kleinen Waschbecken sowie verschliessbaren Fächern ausgestattet und bieten trotz der Mehrfachbelegung, dennoch angenehme Rückzugsorte. Denn die grosszügigen Zimmer begeistern nicht nur durch ihre Helligkeit und ihre klare Strukturierung – sondern vielmehr mit ihren einmaligen 3-Stock-Betten. Diese wurden speziell für die Räumlichkeiten im Gebäudeteil der Halle entworfen, die eine Raumhöhe von über 3 m aufweisen. Die Besonderheit der eigens entwickelten Betten stellen deren einzelne Schlafnischen dar, die separat abgedunkelt werden können und dabei kleine, private Nischen entstehen lassen. Somit bieten diese beste Erholung nach einem ereignisreichen Tag auf dem historischen Schloss und lassen gleichzeitig des Nachts auch die Geschichte zu einem hautnahen Erlebnis werden.

Tag für Tag
Ein einmaliges Erlebnis bietet das sanierte Schloss demnach durch und durch, in welchem kein Aufenthalt dem anderen gleicht. Nicht nur die variierenden Themenzimmer, sondern auch die unzähligen Ecken sowie die endlose Vielfalt, die es hier zu entdecken gibt, lassen den gesamten neuen öffentlichen Ort zu einer wahren Wunderkammer werden. Geschichte erfahren, Wissen erleben und Gemeinschaft aufleben gehören im Schloss Burgdorf wahrlich zum Programm.

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