Gegensätze ziehen sich an

Dass sich Null-Energie-Bilanz und eine 400-jährige Bausubstanz nicht gegenseitig ausschliessen müssen, zeigt das einzigartige und sehr ambitionierte Projekt
von Dransfeld Architekten im historischen Dorfkerns Ermatingen. Die Sanierung und der gleichzeitige Ausbau des denkmalgeschützten Fachwerkhauses verbindet baukulturelles Erbe mit energetisch effizienten Lösungen und vereint dabei verschiedene Nutzungen unter einem Dach.

Wie sich eine denkmalgeschützte Bausubstanz und ein Null-Energie-Konzept in Einklang bringen lassen, beantwortet das ehrgeizige Projekt „Mesmerhuus“ inmitten Ermatingens. Während zu Beginn vor allem die Restaurierung und Erneuerung des 400-jährigen Fachwerkhauses im Raum stand, erweiterte das ansässige Büro Dransfeld Architekten ihren Plan im laufenden Planungsprozess mit weitaus höher gesteckten Ambitionen. So kann das Thurgauer Architekturbüro mit der Vollendung dieses Bauvorhabens nun eines der ersten Null-Energie-Baudenkmäler Europas zu seinem Portfolio zählen. Bereits zuvor hatte das Planungsbüro für seinen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit sowie seinen Solarbauten Bekanntheit erlangt, die mehrmals ausgezeichnet und nicht zuletzt 2020 mit dem Schweizer Solarpreis geehrt wurden.

Startschuss
Der Grundstein für dieses aussergewöhnliche Projekt wurde bereits einige Jahre zuvor gelegt: 2013 kaufte Peter Dransfeld das sanierungsbedürftige Fachwerkhaus an der Kreuzung der Ermatinger Kirchgasse und der Kehlhofstrasse – vermietete jedoch die zwei bereits bestehenden Wohneinheiten vorerst weiter. Die konkreten Umbaupläne des lokalen Architekten, eine fachgerechte  Denkmalpflege mit aktuellen Nachhaltigkeitsstandards zu verbinden, entwickelten sich erst im laufenden Prozess und sollten letztendlich in einem richtungsweisenden Leuchtturmprojekt resultieren. Darüber hinaus wollte der Architekt ein weiteres konträres Paar unter einem Dach zusammenbringen: Mit der Kombination der gegensätzlichen Raumprogramme einer Wohn- und einer gewerblichen Nutzung wollte er im neuen „Mesmerhuus“ einen einmaligen Gesellschaftsort entstehen lassen. Hierfür sollte ebenerdig eine kleine Beiz ihren Platz finden, die als eine Art Schaufenster den Besuchern Einblicke in den Bau und die Technik des besonderen Baudenkmals gewähren soll.

Neu gedacht
Heute präsentiert sich das 400-jährige Mesmerhaus als ein dreiteiliges Ensemble, das insbesondere durch seine individuelle Kombination aus Alt und Neu ins Auge sticht – so trifft Geschichte hier auf Innovation. Ersteres wird dabei weiterhin von der Optik des Kernbaus erzählt: Die gemauerten Wände sind nach wie vor grob verputzt, viele Ecken und Kanten immer noch schräg bis schief sowie der erhalten gebliebene Holzbalkon von Verwitterungsspuren gut sichtbar gezeichnet. Hingegen erscheint die Rückseite des Hauses in neuem Aussehen, wofür die vorherige Eternitfassade mit schlichten Holzschindeln ersetzt wurde. Darüber hinaus erweitert ein Holzelementbau auf der Ostseite nun das Bauvolumen, sodass gemäss der inneren Verdichtung fast 600 m2 Bruttogeschossfläche auf einer Grundstücksfläche von 400 m2 realisiert werden konnten. Ein weiterer wesentlicher Planungsentscheid – wenn auch auf den ersten Blick unersichtlich – war es, die bestehende Ost-West-Trennung aufzuheben und die vier neuen, eigenständigen Nutzungseinheiten übereinander zu legen. Über dem Lokal Wy & Kafi Mesmerhuus im untersten Geschoss befinden sich somit zwei grosse Wohnungen und zuletzt eine kleinere im Dachgeschoss. Durch die separierte Erschliessung der jeweiligen Einheiten sowie einen dazugehörigen, eigenen Aussenraum gewährleistet das sanierte Projekt gleichzeitig ein gewisses Mass an Individualität für die einzelnen Benutzer. 

Umstrukturiert
So wird das historische Gebäude – wie zuvor – auch künftig als Mehrfamilienhaus genutzt, dessen Wohnräume nach den umfassenden Restaurierungs- sowie Sanierungsarbeiten den heutigen Standards entsprechen. Alle zwei Etagenwohnungen bieten dank der gartenseitigen Erweiterung attraktive, grosszügige Grundrisse, die mit ihrer modernen Ausstattung einem Neubau in nichts nachstehen. Der zweigeschossige Anbau nimmt dabei geschossweise vor allem je einen offenen Koch-, Ess- und Wohnbereich auf, während in dem südlichen Gebäudeteil die Nasszellen zu finden sind. Gestaltet sind die Innenräume der Wohnungen in dezenten Farben – vorwiegend Grautöne –, während sich die Erschliessung der oberen zwei Wohnungen im bestehenden Anbau zur Kirchgasse hin in einem markanten Dunkelrot zeigt. Als Kontrast zu dieser modernen Gestaltung offenbart sich hingegen im Innenausbau an bewusst gewählten Stellen das tatsächliche Alter des Hauses: So wurde die ehemalige Aussenfassade der Ostseite als Schnittstelle zwischen dem Alt- und dem ostseitigen Neubau belassen und ist  als geschichtsträchtiges Gestaltungselement in den Wohnraum integriert worden. Für noch mehr Authentizität und historische Atmosphäre sorgen zudem die Wände und Decken aus Holztäfer, das sichtbare Fachwerk sowie die rohen Balken.

Weniger ist mehr
Doch viel mehr als das Zusammenspiel von Alt und Neu zeichnet dieses Sanierungsprojekt die besondere Kombination von Denkmalpflege und einem höchst ökologischen Energiekonzept aus. Denn das über 400-jährige Gebäude verbraucht seit dem Umbau nicht nur wenig Energie, sondern produziert diese zugleich selbst. Während zum einen die sorgfältig aufgebesserte Gebäudehülle einen tiefen Energieverbrauch ermöglicht, erzeugt die rund 70 m2 grosse Solaranlage auf dem Dach sowie auf der Südseite des neuen Anbaus gar mehr als die benötigte Energie – Strom über das Dach sowie zusätzlich Wärme auf der Fassade. Dabei schmücken die Solarkollektoren ausschliesslich den angefügten Erweiterungsbau: Denn gebaut werden durfte die gestalterisch konträre Erweiterung nur unter der Bedingung, die Dachfläche des denkmalgeschützten Hauses unberührt und somit dessen äussere Erscheinung beim Alten zu belassen. Doch eine grössere Fotovoltaikanlage wäre auch nicht nötig gewesen, da das Zusammenspiel von zwei 230 m tiefen Erdsonden mit solarer Wärme höchsteffizient eine Wärmepumpe betreibt. Der ausschlaggebende Faktor in diesem energetischen Prozess ist dabei die Nachtwärmung der Sole mit der Wärme aus der Fotovoltaikanlage: Sie macht es möglich, dass die Wärmepumpe fast sechsmal mehr Energie in Form von Wärme produziert als sie als Strom bezieht. Der damit einhergehende tiefe Stromverbrauch der Wärmepumpe – für Heizung und Warmwasser aller drei Wohnungen – wird somit über das Jahr hinweg betrachtet durch den selbst produzierten Solarstrom gedeckt. Dadurch wird das neue Mesmerhaus zum (nach Minergie-A-zertifizierten) Null-Energie-Haus. Die aktuellsten Messergebnisse ergeben eine Jahresproduktion an Solarstrom von 6927 kWh, womit der Energiebedarf für Warmwasser und Heizung zu 98 Prozent gedeckt ist.

Alles beim Alten
Doch bevor das ambitionierte Konzept für das neue alte Mesmerhaus umgesetzt werden konnte, musste die Bausubstanz von Restauratoren aufgearbeitet und umfangreichen Sanierungsarbeiten unterzogen werden. Untersuchungen zufolge konnte der historische Bestand in drei zeitlich verschiedene Bauteile gegliedert werden – eine Mehrteiligkeit, die sich gestalterisch erneut im fertigen Projekt finden lässt. Dass das Kerngebäude mehrheitlich aus dem 17. Jahrhundert stammt, bestätigte dabei eine dendrochronologische Untersuchung des Holzgebälks im Erdgeschoss. Dieser Teil des Fachwerkhauses beherbergte mehr als die Hälfte seines 400-jährigen Bestehens bereits zwei unabhängige Wohneinheiten, die aufgrund einer Trennung in einen Ost- und Westteil allerdings nebeneinander funktionierten. Später wurde das ursprüngliche Mesmerhaus schrittweise mit zwei kleineren Erweiterungen vergrössert – einem südlichen Anbau aus dem 18. Jahrhundert sowie einem westseitigen Queranbau aus dem letzten Jahrhundert –, die dessen bekanntes Erscheinungsbild bis zu Beginn des Umbaus prägten. Somit ist das Zusammenspiel aus alten und neuen Bauelementen seit jeher charakteristisch für die Optik des vermutlich herrschaftlichen Hauses inmitten des Dorfkerns von Ermatingen.

Aufpoliert
Um die Struktur und Optik der geschützten Gebäudehülle bewahren zu können, wurde innenseitig eine 10 cm starke Isofloc-Dämmung angebracht. Diese versteckt sich hinter einer Täfelung aus dem 19. Jahrhundert, die aufwendig restauriert wurde. Originalgemäss schmückt diese Wandverkleidung nun das jetzige Schlafzimmer, wofür beinahe alle Täfer einzeln nummeriert, abmontiert, abgelaugt, gestrichen und danach wieder montiert wurden und fortan ein „Schaufenster in die Geschichte“ präsentieren. Die rund 70-jährigen Fenster wurden durch Dreifach-Isolierverglasungen mit schmalen Profilen ergänzt, sodass hier bereits ein Drittel der benötigten Heizenergie eingespart werden konnte. Weitere energetische Schwachstellen konnten mit der höchstmöglichen Dämmung ausgebessert werden: Die Kellerdecke sowie die Südfassade wurden hierfür hochgedämmt und der bestehende Dachstuhl mit einer 30 cm dicken Aufsparrendämmung aufgepolstert. Während sich durch diese Massnahme die Gebäudehöhe dementsprechend veränderte, wurden für die Dacheindeckung die originalen Ziegel erneut verwendet, wodurch die Optik der Dachfläche unverändert blieb. Zudem konnte die Mehrheit der statischen Elemente erhalten und selbst die tragenden Holzbalken aufgrund ihrer Massivität den neuen Anforderungen gerecht werden. Doch um das alte Gebäude den neuen Standards anzunähern mussten zuerst alle Leitungen komplett ersetzt und neu verlegt sowie die Schrägen in den Geschossen ausgeglichen werden. Durch den Ausgleich der Decken und Böden mit einem schwimmenden Unterlagsboden und einem zusätzlichen 40 mm dicken Deckenaufbau konnten die hohen Ansprüche an Brand- und Schallschutz sowie Dichtigkeit erfüllt werden.

Vorbildlich
Noch heute zeugen so einige Spuren von der langen Geschichte des Gebäudes, das in früheren Zeiten bereits viele Krisen überstanden hat und für die nächste uns bevorstehende – dem Klimawandel – als fossilfreier Plusenergiebau ein Zeichen setzt. Die durchdachte Synthese einer effizienten Solarfassade am Anbau mit modernen energetischen Massnahmen wie der Dämmung und der Erdsonden lässt das Gebäude insgesamt energieautark funktionieren. Dass Gegensätze wie Alt und Neu nicht nur architektonische Qualitäten entstehen lassen, sondern darüber hinaus auch in richtungsweisenden, innovativen Projekten resultieren können, zeigt die Sanierung des Mesmerhauses mehr als deutlich. Gleichermassen wie das Projekt die vergangene Baukultur bewahrt, aufarbeitet und wiedergibt, wird diese mit den aktuellen Entwicklungen und künftigen Möglichkeiten der Bau- und Energiebranche erweitert.

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