Bühne frei!

Tradition, Gemeinschaft und Genuss – seit Oktober 2020 erfreut sich die Gemeinde Mels über ihr neues Zentrum „Verrucano“ inmitten des historischen Ortskerns.

Tradition, Gemeinschaft und Genuss gehören in Mels zum guten Ton. Die 8500-Seelen-Gemeinde bei Sargans ist bekannt für ihr reges Kulturtreiben, ihre bunten Feste und ihr enges Miteinander – Aktivitäten, für die bisher der passende Ort gefehlt hat. Doch seit Oktober diesen Jahres erfreut sich die flächenmässig grösste Gemeinde des Kantons St. Gallen über ihr neues, ikonographisches Zentrum inmitten des historischen Ortskerns: Behutsam fügt sich das moderne Gemeinde- und Kulturzentrum „Verrucano“ von Raumfindung Architekten zwischen den alten Giebelhäusern ein und eröffnet gemeinsam mit dem neu errichteten Rathaus einen einladenden und grosszügigen Dorfplatz. Die dezente, dunkelrote Holzfassade verleiht dem Gemeindezentrum dabei ein neues Gesicht und versteckt dahinter weitaus mehr als auf den ersten Blick ersichtlich ist.

Grund zum Feiern
Der Stein für das neue Kulturzentrum in Mels wurde bereits 2013 ins Rollen gebracht. Ausgeschrieben wurde ein offener internationaler Wettbewerb, der die Wünsche und Ansprüche der Gemeindemitglieder mit sehr detaillierter Beschreibung und genauen Vorgaben benannte. Im Vordergrund stand der grosse Wunsch der Einwohner, einen Ort zu erhalten, an welchem sie ihr Traditionsbewusstsein und Vereinsleben sowie ihr reges Kulturinteresse künftig ausleben können. Insgesamt 41 eingereichte Entwürfe wurden von einer Fachjury – verstärkt durch einige lokale Vereinsvorstände – bewertet, die über zwei Runden hinweg das Projekt „pinot noir“ des Rapperswiler Büros Raumfindung Architekten zum Sieger erkor. Bevor jedoch mit der Planung und den 34-monatigen Bauarbeiten für das umfangreiche Projekt begonnen wurde, musste eine gemeinsame Aufgabenverständnis geschaffen werden. Die Architekten organisierten für die Baukommission eine Besichtigungstour durch die Ostschweiz, um verschiedenste Konzertsäle zu besuchen. Dabei konnten Gestaltungsideen und Vorstellungen zur Nutzung konkret diskutiert werden und der Ausflug begründete eine solide Basis für die weitere Planung und stärkte das Vertrauen.

Überzeugend
In enger Zusammenarbeit und von Beginn weg intensivem Austausch entstand so der neue Komplex bestehend aus dem neuen Rathaus der Gemeinde und dem Kulturhaus „Verrucano“, das den ehemaligen blechernen Löwensaal ersetzt. Denn in ihrem Entwurf trennen die Architekten das gewünschte, multifunktionale Raumprogramm auf zwei Gebäude auf: Während ersteres einen grossen Konzertsaal, einen kleineren Saal sowie weitere Proberäume für Vereine aufnimmt, wurden die bürokratischen Prozesse in ein eigenständiges Gebäude ausgelagert. Die beiden Neubauten unterscheiden sich nicht nur in ihrer Nutzung sondern auch in ihrer Optik: Während das murale Rathaus in hellen Farben gestaltet ist, bietet das hölzerne „Verrucano“ in gedeckten und dunkleren Tönen ein auffallendes Kontrastprogramm. Realisiert wurde die weinrote Aussenhaut im Holzelementbau – als hinterlüftete Lattung aus sägeroher Weisstanne.

Grundstein legen
Zwischen den Ersatzneubauten wird ein neu ausgestalteter Dorfplatz samt Wasserspiel eröffnet, der sich inmitten der Gemeinde als attraktive Begegnungszone für diverse Nutzungsmöglichkeiten präsentiert. Von der Strasse kommend markiert, wie auch zuvor, eine alte Eibe den neuen Treffpunkt von Mels, der mit einer flachen Treppe ausdifferenziert wurde. Nicht nur Wochenmärkte, unterschiedliche Festlichkeiten oder auch Versammlungen werden hier künftig für reges Treiben sorgen, sondern auch die Weinanlieferung für den drunterliegenden Rathauskeller wird über den Dorfplatz abgefertigt – eine Anspielung an den früheren Projektnamen „pinot noir“. Überaus präsent ist auf dem Vorplatz zudem der Fokus der Regionalität, den die Architekten konsequent durchgezogen haben: Sowohl in der Wahl der beteiligten Gewerke als auch in der der Materialien war der regionale Bezug ausschlaggebend. So fassen Natursteinbänder aus rotem Melser Verrucano, einem Schiefergestein, den Vorplatz ein und umrahmen in etwa den Grundriss des vormals dort stehenden Mehrfamilienhaus. Des weiteren wurde Melser Schiefer und Rheinkies zur Platzgestaltung verwendet, auf Putz mit regionalen Kieselwurf zurückgegriffen oder auch die Holzfassade aus Schweizer Hölzern realisiert. Das Neubauprojekt unterstützt somit nicht nur das hiesige kulturelle Leben sondern auch das lokale Gewerbe und Handwerk.

Alles im Mass
Genauso wie der neugestaltete Aussenraum fügt sich der neue Baukörper in das bestehende Ortsbild ein: In seinem Massstab orientiert sich das Kulturhaus an den Volumen der umliegenden Gebäude, sodass sich dieses harmonisch in den bestehenden Dorfkern eingliedert und nicht als Fremdkörper wahrgenommen wird. Formal lehnt sich der Ersatzneubau an die Architektursprache einer Scheune an und nimmt die zweite Reihe der Bestandshäuser für sich ein. Das relativ flach geneigte Dach, das sich aus zwei miteinander verschnittenen Giebeldächer ergibt, greift zudem erneut die Typologie der Nachbarhäuser auf und gewährleistet so ein einheitliches Ortsbild. Mit weiter auskragenden Vordächern ermöglichen die Architekten einerseits witterungsgeschützte Eingänge und gewährleisten andererseits trockene Aufenthaltszonen im Aussenraum des „Verrucanos“.

Roter Faden
Bewusst wurden zudem bestimmte Gestaltungselemente des Aussenraums im Innenraum erneut aufgegriffen: Der weinrotfarbene und namensgebende Verrucano-Stein findet sich im Terrazzoboden des Foyer wieder und die Fensterbänder im oberen Viertel der Aussenwände wurden in Anlehnung an die Fassade ebenso mit den charakteristischen Holzlamellen verkleidet, sodass ein spannendes Lichtspiel im Eingangsbereich entsteht. Natürlich setzt sich auch die markante Farbpalette des Baukörpers innerhalb der Wände fort – vertikale Flächen in Pinot Noir eingefasst mit eleganten Rahmen aus naturbelassenem Eichenholz. Bespielt wird der Innenraum mit voreingestellten Lichtsituationen, wodurch individuelle Atmosphären und optimale Lichtverhältnisse für diverse Anlässe möglich sind. Massgeblich beteiligt an dieser Raumwirkung des Foyers sind die ringförmigen Lampenschirme, deren verschiedene Elemente gezielt ein- und ausgeschaltet sowie gedimmt werden können. Zudem garantiert die dekorative Lochstreuung in der Decke für beste Akustik im grosszügigen Foyer.

Guter Klang
Während auf den ersten Blick die markante Farbgebung sowie die Gestaltung des Baukörpers bereits begeistert, offenbart sich das wahre Herzstück des Ersatzneubaus erst im Inneren – der multifunktionale Löwensaal, der sich von der Konzertbühne für Sinfonieorchester bis hin zum Turnboden samt Olympia-Reckstangen nutzen lässt. Inspiration für den neuen Saal – von den Planern auch gerne „Chamäleon“ genannt – holten sich die Architekten von der Typologie des Konzertsaals: Demnach läuft die Raumverkleidung rundherum durch und die Schallreflexion des charakteristischen, trapezförmigen Grundrisses gewährleistet selbst für exklusive Musikkonzerte beste akustische Voraussetzungen. Das besondere Hörerlebnis ermöglicht die spezielle Lamellenstruktur – bestehend aus sogenannten Schröder-Diffusoren – an den Innenwänden des Löwensaals, die  als Diffuser wirkt und Reflexionen im Raum erlaubt. Somit wird der Klang gestreut und nicht von der Innenwandbekleidung absorbiert, wodurch der Schallpegel hoch bleibt, ohne dabei Echo zu erzeugen. Zusätzlich begünstigen die oberen Bereiche der Seitenwände die akustische Anpassungsfähigkeit des Saals, die als drehbare Wandfronten ausgeführt sind und dadurch unterschiedliche akustische Situationen ermöglichen. In der geschlossenen Stellung besteht deren Oberfläche aus lasierten, schallreflektierenden Dreischichtplatten, während jene in der gedrehten Anordnung mit Stoff bespannt sind und somit schallabsorbierend wirken.

Genuss
Neben dem einmaligen Hörerlebnis und der bereits genannten Multifunktionalität begeistert der Löwensaal vielmehr auch mit seiner besonderen Raumatmosphäre. In der Standard-Konzertbestuhlung können in diesem insgesamt bis zu 744 Personen, die über das Foyer direkt vom Rathausplatz in diesen gelangen, im Erdgeschoss und der Galerie Platz finden. Das Nutzungsspektrum erweitert die gut ausgestattete Gastroküche – gut versteckt hinter der Wandverkleidung am hinteren Ende des Saals –, die je nach Nutzeranspruch das Foyer oder direkt den einladenden Saal bedient. Mit einer Spannweite von 23 m präsentiert sich dieser als überaus grosszügiger Innenraum, der durch insgesamt drei unabhängig voneinander steuerbaren Lichtquellen ausgeleuchtet wird. So finden sich neben den flächendeckenden LEDs in den Oberlichtern auch Leuchten in den Seitenwandelementen sowie weitere Downlights beziehungsweise Reihenlichter in der Decke. Angefangen von Kammermusikkonzerten über Operetten, Theater bis hin zu Kinovorstellungen, Banketten sowie Seminaren, gewährleistet die Ausstattung des Löwensaals jede erdenkliche Nutzung und geht somit auf verschiedenste Szenarien ein.

Für alle
Mit drei weiteren Sälen – „Gafarra“, „Ragnatsch“ und „Runggalina“ –, deren Namen von umliegenden lokalen Flurnamen aufgegriffen wurden, kann das Kulturhaus der hohen Nachfrage des regen Vereinslebens gerecht werden. Der kleinere Bruder des Löwensaals, „Runggalina“, ist mit diesem durch einen Backstage-Bereich verbunden, dient vorwiegend als Konferenzraum und kann zudem als Garderobe beziehungsweise Warte- und Vorbereitungsraum für die grosse Bühne genutzt werden. Während sich dieser ebenfalls im Erdgeschoss befindet und über das Foyer erschlossen wird, haben die beiden Säle „Gafarra“ und „Ragnatsch“ im Obergeschoss ihren Platz gefunden. Des Weiteren wurden im oberen Stockwerk auch Nasszellen und explizite Künstlergarderoben realisiert, um den Ansprüchen der unterschiedlichen Nutzer vollumfänglich gerecht zu werden. Multifunktionalität spielt dabei selbst in den beiden kleineren Räumen eine wichtige Rolle: Egal ob für private Anlässe, Apéros, Seminare oder auch für Trauungen können diese umfunktioniert und von Einzelpersonen gemietet werden.

Vorhang auf
Eindeutig stehen bei diesem Grossprojekt die Gemeinschaft, die Kultur sowie das Vereinsleben im Zentrum. Im „Verrucano“ wurden diese unter einem Dach zusammengeführt. Künftig soll der schon lange gewünschte Bau Gleichgesinnte und Kulturbegeisterte zusammenbringen, dabei gleichzeitig als Antriebsmotor und Aushängeschild für die Gemeinde dienen und nicht nur Mels in sich selbst sondern vor allem auch nach Aussen hin stärken. Demnach heisst es „Vorhang auf und Bühne frei“ für kommende Grossveranstaltungen, buntes Treiben und das ein oder andere Gläschen Pinot Noir.

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