Aufgepudelt – mal anders

Direkt neben dem Alderplatz, an prominenter Lage soll der Ersatzneubau des Architektenduos Marazzi Reinhardt dem Dorfkern von Beringen wieder zu neuem Aufschwung verhelfen. Hierfür setzte das Architekturbüro aus Winterthur auf einer kleinen Bauparzelle das neue Gebäude mit einem Ladenlokal und zwei Wohnungen sowie einer Bushaltestelle in Kooperation mit der Gemeinde um. Insbesondere die Eigeninitiative, das Out-of-the-box-Denken der beiden Planer, das Faible fürs Handwerk sowie die intensive Zusammenarbeit mit der Gemeinde ermöglichten dieses aussergewöhnliche Projekt.

Unverhofft kommt oft – so auch die Idee für diesen Ersatzneubau im Klettgauer Dorf Beringen. Getrieben vom Wunsch, das architektonische Schaffen voll und ganz nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, erwarben die Architekten Sergio Marazzi und Andreas Reinhardt 2014 günstig eine kleine Parzelle neben einem 60-jährigen Kiosk-Provisorium in nächster Nähe zum Bahnhof. Somit konnten sie als gleichzeitige Bauherrschaft in völliger Eigenregie dem  kleinen, heruntergekommenen Wohnhaus ein neues Leben schenken und schafften mit dem Konzept einer kombinierten öffentlichen sowie privaten Nutzung zugleich einen Mehrwert für den Schaffhauser Ort und seine Anwohner. Demnach finden sich nun zwei beinahe gespiegelte Maisonettewohnungen im Neubau sowie ein Bauernmarkt im Parterre und eine neu gestaltete, in die Architektur integrierte Bushaltestelle im Baukörper.

Alle für alle
Doch um dieses ungewöhnliche Projekt überhaupt umsetzen zu können, bedingte es die überaus partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Gemeinde sowie das gute Miteinander mit den Nachbarn – ohne dass der Bau schon von Beginn weg zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Beispielsweise genehmigten Letztere einerseits geringere Bauabstände sowie andererseits auch die Parkplatzerschliessung des Neubaus über deren Grundstück. In einem weiteren Abkommen mit der Gemeinde konnte zusätzlich die angrenzende Bauparzelle für das Bauprojekt erstanden werden, wofür die beiden Architekten der Gemeinde im Gegenzug für 15 Jahre die Bushaltestelle im Erdgeschoss zusicherten. So ist auf dem zur Liegenschaft gehörenden Aussenraum neuer öffentlicher Raum entstanden, der durch ein Kommen und Gehen – und demzufolge von einer gewissen Dynamik – geprägt ist. Zudem erhielten die beiden ambitionierten Planer ein zinsloses Darlehen von der Gemeinde, um das Finanzierungsproblem ihres Vorhabens mit der Idee, den Dorfkern Beringens wiederzubeleben, umsetzen zu können. 

Gut Ding braucht Weil’
Nach sieben Jahren der Planungs- und Bauzeit markiert seit diesem Jahr nun das vollendete „Haus zum Pudel“ die Hauptkreuzung im Beringer Dorfzentrum. Dabei ist der Name nicht dem mehr oder minder aufgepudelten und neu interpretierten Bau zuzuschreiben, sondern auf alte Fotografien zurückzuführen. Beim Ausräumen des Estrichs wurden etliche Fotoalben gefunden, in welchen ein schwarzer Pudel beinahe das meistabgebildete Motiv darstellte und somit zum Namenspatron des Projekts wurde. Mit dieser Entscheidung orientierte sich das Duo zudem an der Tradition, Häusern keine Nummer, sondern vielmehr Namen zu geben, die ihre Identität oder auch Geschichte widerspiegeln und meist noch mit einem Bild oder Relief an der Fassade dargestellt wurden. Zwar wird die neue Identität des Baus nicht auf dessen Hülle nach aussen getragen, doch wird sie im Ganzen betrachtet vor allem durch die teilweise in Eigenregie ausgeführten Handwerksarbeiten untermauert. Als gelernter Schreiner führte Sergio Marazzi die Bauarbeiten gemeinsam mit seinem Büropartner, einem gelernten Zimmerer, aus und holte sich beispielsweise bei den Elektroinstallationen Unterstützung im Freundeskreis.

Formsache
Als Resultat ist ein für die Region charakteristischer, sehr kompakter Bau entstanden, dessen Fassade zur Strassenseite hin beinahe komplett geschlossenen ist und nur von schmalen Schlitzfenstern durchbrochen wird. Der Baumeisterbau wurde in einem zweischaligen Mauerwerk mit zwischenliegender Dämmung realisiert: Während auf die Aussenfassade eine 3 cm starke Putzschicht aufgetragen wurde, wurde das Mauerwerk innen liegend unverputzt belassen und somit etwaige Gipser- und Malerarbeiten ausgespart. Gleichzeitig wird so die Konstruktion des Gebäudes komplett ehrlich gezeigt und der Fokus ungetrübt auf das Handwerk gerichtet. Dabei wurde der im Innenraum sichtbare Backstein armiert ausgeführt, um darüber hinaus die geforderte Erdbebensicherheit zu gewährleisten. Mit dieser rohen und in gewisser Weise grob wirkenden Materialwahl wollten die Architekten einerseits ein Alleinstellungsmerkmal schaffen, als auch mit der äusseren Erscheinung die architektonische Sprache der Umgebung aufnehmen. Noch charakteristischer ist dabei der Knick in der Geometrie des Baus zur Unterdorfstrasse hin, womit sowohl auf die Strassenführung reagiert als auch  der Bushaltestelle ihren Platz eingeräumt wird. Rückseitig fliesst der Ersatzneubau scheinbar direkt in den Nachbarbau über;  jedoch separiert der wechselnde Farbverlauf der Fassade die beiden Bauten.

Gut präsentiert
Strassenseitig durchbrechen im Parterre grosse Fensterfronten die einheitliche Fassade und gewähren dabei Einblicke auf das Geschehen im Inneren: Auf den 40 m2 im Erdgeschoss findet ein Hofladen Platz, der von einem lokalen Bauern angemietet wurde und hier neuerdings die Regionalität sowie das Naturprodukt wortwörtlich ins Zentrum stellt. Dabei lässt der offene, einfach gehaltene Raum eine überaus freie Bespielung zu und begeistert insbesondere mit seinem Materialmix – optisch als auch haptisch. Die dunkelgrauen Fugen zwischen den hellen Backsteinen rastern die Rückwand und bilden einen ansprechenden Kontrast zu den ansonsten einheitlich grauen Sichtbetonwänden. Ein weiteres Highlight in der reduzierten Innenraumgestaltung stellt die Spiegelverkleidung der Säulen dar, die eine Anspielung an die Chromverkleidung in Mies van der Rohes Arbeiten ist und zudem einmalige Licht- und Sichtspiele ermöglicht. Zusätzliche Farbakzente schaffen die Rahmen aus Eiche der Fensterfronten, die sich von den grauen Sichtbetonwänden abheben, wie aufgesetzt wirken und dabei als strukturierende Gestaltungselemente dienen. Als Designobjekt präsentieren sich auch die eigens entwickelten Elektroinstallationen – vom Schalter bis zur Lampe –, die in sichtbarer Führung wie feine Adern aus Aluminium den Raum durchziehen und somit in gewisser Weise den Ablauf eines Schaltkreises zeigen. Ebenso sichtbar ist der Heizkörper in das Ladenlokal integriert, der mit seinen schwarzen, raumhohen Heizröhren als Objekt für sich steht und die Innenwände schmückt. Für die Raumabschlüsse wurden nicht furnierte und nur geölte Türrohlinge verwendet, die den Ladenraum vom hinteren Lager und Sanitär- sowie Technikraum abgrenzen und dabei dem rohen Charakter des Innenausbaus treu bleiben.

Hoch hinaus
Der Aufgang zu den beiden darüber liegenden Wohneinheiten befindet sich nordseitig und wird von einem betonierten Vordach geschützt. Durch die verbauten Glasbausteine, wie beim Vorgängerbau schon, wird die innen liegende Treppe beleuchtet und der schmale Erschliessungsbereich von einem Spiegel am Treppenabschluss zusätzlich optisch vergrössert. Während zuvor nur eine Wohnung geplant war, finden sich nun in einer Ost-West-Trennung zwei ähnliche Wohneinheiten im Neubau wieder, die sich nur gering in ihrer Grösse unterscheiden – ein Planungsentscheid, der auf die geforderte Mietabsicherung seitens der Gemeinde zurückzuführen ist. Dass die beiden Mietwohnungen als Maisonettes umgesetzt werden konnten, ist auf das hohe Giebeldach zurückzuführen, wodurch ein zusätzliches Geschoss in Holzbauweise eingezogen werden konnte.

Einfach zu Hause
Als roter Faden zieht sich die bereits bekannte Innenraumgestaltung auch in den obersten Etagen  fort: So tritt man gleich neben dem Eingang in die simpel gehaltene Küche ein, die an ein additives Baukastensystem erinnert und die ebenso sichtbaren Leitungen in die Ausstattung einbezieht und sich diese dabei zunutze macht. Zudem scheinen die aufgesetzten Elektroinstallationen in einer gewissen Art und Weise wie eine Wegführung in den Wohnräumen zu funktionieren und den Bewegungsfluss in den Räumen symbolisch darzustellen. Doch abseits der unverbauten Installationen prägen die bisherigen Gestaltungsprinzipien der Architekten die Wohneinheiten ebenso: Das unverputzte Mauerwerk, die rohen Materialien und die bewusst gezeigten Fugen gestalten hier die Räumlichkeiten und schaffen dabei mit ihrer Ehrlichkeit eine spezielle Wohnlichkeit – sowie gleichzeitig Räume, die alles andere als den gängigen Standards entsprechen. Zusätzlichen Charme versprüht im Wohnzimmer der ungeschliffene Fischgrätboden, der über das historische Bauteillager der Denkmalstiftung Thurgau gebraucht erworben werden konnte, in Eigenarbeit der beiden Bauherren verlegt wurde und neuerdings den gewünschten Used-Look in beiden Wohneinheiten abrundet. Gegen Süden wird der offene Wohnraum auf der Laube fortgeführt, wobei durch die raumhohen Fensterfronten der geschützte Aussenraum und die Innenräume scheinbar ineinander überfliessen. Mit dieser Raumöffnung in der ansonsten sehr geschlossenen Fassade konnte gleichzeitig der Tageslichtanteil in den Wohnungen enorm erhöht werden, der durch das eingezogene Halbgeschoss selbst dort erfahrbar wird. In dieses gelangt man über die rückseitig zur Küche liegende Betontreppe, die in das grosszügige Schlafzimmer sowie ins einfach gehaltene Bad in der obersten Etage führt.

Kontrastprogramm
Besonders beeindruckend ist in diesem Stockwerk vor allem die enorme Raumhöhe, die dem steilen Giebeldach zu verdanken ist: Mit einer Innenverkleidung in Holztäfer wird hier eine wohlige Raumatmosphäre sowie ein Kontrast in Haptik sowie Optik zum ansonsten rohen Beton und unverputzten Backstein geschaffen. Für ein ebenso gestalterisches Highlight sorgt ein weiteres wiederkehrendes Material, das sich in seiner Beschaffenheit von der Massivität der dominanten Baustoffe abhebt: Die selbst gemauerte Duschwand aus Glasbausteinen grenzt die Dusche ab, ohne dem knappen Badezimmer Raum oder Licht zu nehmen, und schafft dabei eine Analogie zur Fassadengestaltung im Eingangsbereich. Zusätzlich unterstreichen die altbekannten, verbauten Zweigriffarmaturen die gewünscht einfache Raumgestaltung im Bad, die somit bis ins kleinste Detail konsequent durchgezogen wurde. Einen etwas anderen Gegensatz – zumindest akustisch gesehen – stellen die Wohneinheiten an sich dar: Dank den speziellen Schallschutzfenstern sowie dem zweischaligen, entkoppelten Mauerwerk kommt man trotz der vorbeilaufenden, gut frequentierten Strasse Beringens selbst im Schlafzimmer zu seiner Ruhe.

Anders neu
Wenn auch das „Haus zum Pudel“ einen kompletten Neubau präsentiert und sich in gewissen Konstruktionsdetails und Ausstattungsmerkmalen an den aktuellen Standards orientiert, ist dies dem Baukörper auf den ersten Blick nicht anzusehen. Vielmehr, als dass sich das Projekt als ein aufgepudeltes, herausgeputztes sowie modernes Gebäude zeigt, haben Marazzi Reinhardt Architekten mit ihrem Eigenprojekt einen ungeschliffenen Diamanten geschaffen, der gerade mit seinen rohen Qualitäten und seiner Ehrlichkeit durch und durch überzeugt. Eine Individualität, die begeistert und einlädt, sich pudelwohl zu fühlen.

© Schaub Stierli Fotografie (Fotos Exterior)und Ladina Bischof (Fotos Interior)

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