Weisses Steinkleid

Weisses Steinkleid

In funkelndem Weiss begrüsst das neu eingekleidete Geschäftslokal des Bucherer Kunden und Passanten der Bahnhofstrasse in Zürich. Im Rahmen eines geladenen Wettbewerbs konnte Office Haratori mit ihrem Fokus auf Handwerk, Materialehrlichkeit und Qualität sowohl den Bauherren, als auch die Vertreter der Stadt Zürich von ihren Sanierungsplänen überzeugen. In der neuen Fassadengestaltung kombinierten sie mit viel Feingefühl rohe Materialien miteinander und vereinten traditionelles Handwerk mit technischen Innovationen.

„Gut Ding braucht Weile“ – Viel Zeit und Herzblut steckte das Planerteam von Office Haratori in die Gestaltung der Marmorfassade. Mit hohem Eigenengagement eigneten sich die Architektinnen und Architekten das nötige Know-how rund um das Arbeiten mit dem Naturstein an. Für den Bauherren kam nämlich von Anfang an nur Marmor in seiner wahren Identität in Frage – also Marmor durch und durch. „Wir bewegten uns auf unbekanntem Terrain und standen vor einer neuen Herausforderung, denn Marmor ist nicht gerade ein übliches Baumaterial. Für uns war es das erste Mal, mit diesem Naturmaterial zu arbeiten – und dann auch noch in diesem Massstab“, erklärt Zeno Vogel, leitender Architekt bei Office Haratori.

Dass ausgerechnet Schweizer Marmor zum Hauptakteur wurde, verdankt dieser mehr seinem unverkennlichen kristallinen Glanz als dem Wunsch nach Regionalität. Dieser Cristallina-Marmor besteht beinahe ausschliesslich aus weiss-elfenbeinfarbenen Kalzit und bewirkt durch seine Grobkörnigkeit das besondere Spiel mit Lichtspiegelungen. Der Steinbruch der Familie Maurino befindet sich oberhalb von Peccia, wo seit 2011 unter Tage Marmor abgebaut wird. Aus organisatorischen Gründen musste das Steinmaterial bereits vor der vollendeten Fassadenplanung vorbestellt werden. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch noch nicht klar, ob die Steinader ergiebig genug ist und farblich einheitlich wäre.

In enger Zusammenarbeit mit einem Tessiner Steinmetz eigneten sich Zeno Vogel und sein Team im „Trial and Error“-Prinzip das nötige Wissen mit unzähligen Mockups und Prototypen an. Unter anderem galt es, ein Gefühl für das Ausdehnungsverhalten des Steins zu erhalten, woraus die notwendige Plattenstärke von bis zu 16 cm resultierte. Zudem sollte die Ausdehnung der Steinplatten bei Feuchtigkeit durch eine zusätzliche Hydrophobierung vorerst unterbunden und verlangsamt werden.

Das einheitliche Konzept und Erscheinungsbild der Fassade verlangte vom Planerteam andere Planungsschritte als üblich. Die komplette Marmorföderung und -verarbeitung  wurde genauestens fotografisch festgehalten und katalogisiert: vom Schnitt des Marmorblocks über die einzelnen Steintranchen bis hin zu den endgültigen Fassadenplatten. So wurde das Lager des Steinbruches für die Architekten beinahe zum zweiten Wohnzimmer und war zum Ende hin so vertraut wie die eigene Westentasche. „Der Ausführungsplan zur Positionierung der einzelnen Fassadenelemente war eine Photoshop-Datei“, erklärte Mercè Portell, die Büropartnerin von Zeno Vogel, denn die abfotografierten Steinscheiben wurden unter Berücksichtigung von Farbstich und Maserung wie ein Puzzle zusammengesetzt. Bei genauer Betrachtung des Platten-Puzzles ist auch das Spiel mit den Richtungen der Maserungen ersichtlich, die vor allem die Tiefenwirkung der kubischen Fassade betont.

Nach den ersten zweidimensionalen Planungsschritten der Fassade erstellte der Zürcher Fassadenplaner ap3 aus den vorhandenen Daten ein 3D-Modell, das als Grundlage zur endgültigen Fräsung der einzelnen Steine diente. Abgesehen von der materialtechnischen Raffinesse steckt viel technisches Wissen in der Fassade: Das neue Kleid des Geschäftshauses aus 150 t Stein entspricht den aktuellen Anforderungen an die Erdbebensicherheit. Die einzelnen Rahmenelemente sind zueinander beweglich, aber in sich nicht ausgesteift, wodurch das Haus „weich“ gedacht wurde. Weiters musste die neue Unterkonstruktion genügend Spielraum für die unterschiedlichen Toleranzen der einzelnen Materialien aufnehmen können. Alles Faktoren, die zu der mehrschichtigen Fassade – als Curtain Wall zu verstehen – führten. Aus logistischen Gründen und für eine einfachere Montage wurden die einzelnen Marmorplatten vorab zu den vordefinierten Fassadenelementen zusammengefügt. Danach wurden diese vor Ort in das Raster eingehängt und bilden nun den Abschluss der Fassade.

Hier geht's zum Artikel über die Herstellung der Bronzeelemente des Sockelgeschosses in Shanghai.

 

Weitere Informationen zur Sanierung des Bucherer Geschäftshauses in Zürich finden Sie in der kommenden Modulør-Ausgabe, Erscheinungsdatum 05. Februar 2020. 

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