Im Gespräch mit office haratori

Im Gespräch mit office haratori

„Wir versuchen uns in Übersicht, Vermittlung, manchmal in Verhandlung." (office haratori) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Süd-Ansicht des Hauses auf dem Bürgenstock: Ein grosses Dach zum Schutz, darunter ein gestampfter Erdboden und eine verkohlte Fassade zur Landschaft.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?

Nach Fertigstellung der Sanierung des Juweliergeschäfts Bucherer an der Bahnhofstrasse Zürich bauen wir zurzeit ein Ferienhaus auf dem Bürgenstock um – ein sehr kleines, doch vielseitiges Projekt in einem schönen Umfeld. Verschiedene Wohnbauprojekte laufen wieder an: ein Wohnhochhaus mit Kleinwohnungen in Amsterdam, mit unserem holländischen Partner Office Winhov, sowie der Gestaltungsplan für eine Gruppe von 16 speziellen Holz-Reiheneinfamilienhäusern um ein Bosquet in Wetzikon.

Wir haben uns in den letzten zehn Jahren intensiv mit wenigen, komplexen Projekten auseinandergesetzt, so dem Freilager in Zürich zum Beispiel. Eine schöne Aufgabe, die uns gerade beschäftigt, ist es, uns wieder für neue und anderweitige Aufgaben rumzusehen, offen zu sein und uns bereitzuhalten.

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?

Letzten Herbst hat das Büro eine Studienreise nach Norditalien gemacht, und wir sind den Bauten von Ignazio Gardella gefolgt. Die Reise hat uns über Ivrea und Alessandria nach Mailand geführt. Die Bauten decken ca. 50 Jahre von Gardellas Werk ab – nur sein „Frühwerk“ sozusagen. Die Gegenwärtigkeit seiner Architektur und deren Meisterhaftigkeit, städtebaulich wie räumlich, ist umwerfend; schön auch das Bewusstsein, das die Nutzer für die Häuser entwickelt haben. Dem Alter nach sind dies beispielsweise die Kirche vom Tuberkulosen-Sanatorium Vittorio Emanuele III (1929), das Altersheim Borsalino (1933–39) oder das Wohnhaus für die Mitarbeiter des Hutmachers Borsalino (1951), alle drei in Alessandria, oder die Kirche San Nicolao della Flue (1969) in Mailand.

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?

Die Materialisierung eines Projektes kann viele Bezüge herstellen: zum Kontext, zur Vergangenheit, zur Aufgabe selbst oder zur gewählten Konstruktion. Darin gibt es kein A-priori gegenüber dem Einsatz neuartiger Materialien. 

An der traditionsreichen Bahnhofstrasse in Zürich haben wir eine diesbezüglich interessante Erfahrung gemacht: Die Bucherer-Fassade sollte aus Stein sein, vorgehängt sowie energetisch effizient. Das Ur-Fassadenmaterial Marmor haben wir den neuesten materialtechnologischen Erkenntnissen nach massiver eingesetzt als mit den üblichen 2-cm-Tafeln, bis zu 16 cm dick; die neuartige Vakuum-Wärmedämmung brauchte hingegen nur 4 cm, um den gegenwärtigen Anforderungen gerecht zu werden... In dieser totalen Umdrehung der gewohnten Massenverhältnisse des Wandaufbaus fand die Fassade zusätzlichen architektonischen Ausdruck.

Es beschäftigt uns der Ausdruck solcher neuartigen Materialien, auch in Zusammenhang mit gegenwärtiger Produktion: Das kontextuelle Konstruieren steht aber im Vordergrund, nicht das Anwenden von Systemen.

Haben Sie eine Idee von Schönheit?

Eine Empfindung von Schönheit hat wesentlich mit der Wahrnehmung durch unsere fünf Sinne zu tun, aber nicht nur; spätestens von Beuys haben wir gelernt, Sinn und Sinnlichkeit zusammen zu verstehen. Und wenn das Gefühl von Schönheit aufkommt, hat es oft mit Stille zu tun.

Was nicht schön ist, kann auch reizen: Wir haben gelernt, Architekturen des 19. Jahrhunderts zu lieben, nicht unbedingt für deren Erscheinung, sondern dafür was sie an schöpferischer Energie mittragen: räumlich, strukturell, manchmal subversiv usw.

Wann wird ein Gebäude zu
Architektur?

Gebäude zeugen auch davon, wie wir unser Umfeld, den geteilten Lebensraum gestalten; das können sie gut oder weniger gut tun. So sind auch vernakuläre Bauten oder wenig ambitionierte für uns Architektur: Sie zeugen als Bauwerke von der Kultur der Erbauer – Bauherren, Gesetzgeber, Handwerker wie allenfalls Architekten. Insofern entgeht selbstverständlich Architektur dem Anspruch nach Qualität nicht.

Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?

Architekt sein ist auch sich in eine Tradition einfügen, in eine Sprache, eine Kultur, in eine Gemeinschaft. Deshalb gibt es wohl nicht weniger Pakete idealer Tugenden, als es unterschiedliche Menschen und Umfelder gibt. Wir betrachten uns etwa als weitgehend europäische Architekten, als Konstrukteure eher als Systemanwender, als Generalisten eher als Spezialisten, wir beanspruchen städtebauliche Kompetenz, aber in einem breiten Austausch, ausserarchitektonische Erfahrungen beziehen wir ein, das Bündeln ist uns wichtig und anspruchsvoll ... wir versuchen uns in Übersicht, Vermittlung, manchmal in Verhandlung.

Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?

Der Architekt entwirft selbstverständlich auch für die Gesellschaft; er denkt und definiert Räume und Orte, in welchen deren Mitglieder beispielsweise wohnen, sich aufhalten, unterhalten oder bewegen … Der Architekt hat einen Bezug zu Form und Gestalt. Er kann vieles gut tun und ebenso viel vermasseln. 

Frei nach dem kürzlich verstorbenen Basler Architekten Rainer Senn – vor 30 Jahren zu einem angehenden Hochbauzeichner-Lehrling: „Wir können ein Gartentor gut gestalten oder ein Gartenhaus, ein Reihenhaus, gar ein Quartier ... oder sogar eine Stadt!“

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?

Politische Entscheide bestimmen Architektur im weitesten Sinne mit – denken wir nicht lange zurück an die Zweitwohnungsinitiative, an die Lärm- oder Energiegesetze, generell an gesundheitspolitische oder raumplanerische Weichenstellungen –, sie bilden einen Rahmen in der Architektur entsteht. 

Die Frage ist aber vor allem auch eine kulturelle: Ist die Politik in der Lage, einen Rahmen zu schaffen für Architektur auf qualitativ hohem Niveau und diesen zu schützen? Die Frage stellt sich aktuell mit dem Ausserkraftsetzen der Berechnungstools der SIA-Honorarordnung – eines Mittels das Planern und Bauherren es bisher ermöglichte, sich zu verständigen – auf Druck der Wettbewerbskommission. Ist der marktwirtschaftliche Honorarwettbewerb uns wichtiger als der Wettbewerb nach den architektonisch besten sowie funktionellen, ökonomischen und nachhaltigen Lösungen?  

Kann Architektur die Welt verbessern?

Zurück auf die Frage der Kultur und der Gemeinschaft: Ja, Architektur spielt darin eine nicht unwesentliche Rolle. Als „Dienende“ werden wir dennoch den Widerspruch zwischen, grob gesagt, Diensterbringer und Erfinder/Verbesserer nicht los. Die Erfahrung des Tradierten und das Spiel in der Kontinuität sind vielleicht vorsichtige Wegweiser, um die Zukunft zu gestalten...