Im Gespräch mit Lukas Imhof

Im Gespräch mit Lukas Imhof

"Eine Stadt, die nur aus Neubauten und Denkmälern besteht, ist eine grässliche Vorstellung." (Lukas Imhof) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade? 
Wir bauen gerade die zweite Etappe der Erneuerung des Ekkharthofes, einer Heil- und Bildungsstätte im Thurgau. Diese umfasst den Bau einer Turnhalle, Umbau und Aufstockung des bestehenden Schulhauses sowie den Umbau des Hauptgebäudes. Ebenfalls im Bau ist ein Doppelkindergarten in Zihlschlacht (TG) und ein Zweifamilienhaus in Kesswil (TG). Eine Schulhauserweiterung in Landschlacht (TG), ein kleiner Pavillon in Altenrhein und eine Wohnüberbauung mit Migros in Appenzell sind in der Vorprojektphase. Und nach Ostern werden wir mit dem Wettbewerb für ein kirchliches Gebäude in Weinfelden starten. Weiter unterrichte ich an der HSLU Entwurf im 5. und 6. Semester und bin im Gestaltungsbeirat sowie der Arbeitsgruppe „Beobachter für Wettbewerbe“ des SIA Thurgau tätig.

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert? 

Begeistert und beeindruckt war ich vom Umbau des Agnesklosters in Prag zu Ausstellungsräumen der Tschechischen Nationalgalerie, der in den 1960er- bis in die 1980er-Jahre durchgeführt wurde. Ein in vielen Teilen, von gross bis klein, unglaublich fein und gekonnt vorgeführtes Altneu,zu dem es leider keine brauchbare Dokumentation gibt. Ebenso begeistert hat mich ein winziges Meiensäss, das noch weitgehend in jenem Zustand ist, in dem es vor 50 Jahren für die Sennerei und gleichzeitig als Wohnstätte des Landwirts während der Sommermonate gedient hat. Eine sehr direkte, simple Konstruktion, im hintersten Ende eines verlassenen Tals gelegen und im Winter nur mit Tourenskis erreichbar. Als einzige Infrastruktur hat das Gebäude einen alten Holzofen. Wie wenig Architektur es zuweilen braucht, um Stimmung und Poesie zu erzeugen!

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache? 

Durchaus positiv, solange das Neue nicht seiner selbst Willen und nicht in naiver und vergänglicher Fortschrittsbegeisterung eingesetzt wird.

Haben Sie eine Idee von Schönheit?

Keine, die ich schlüssig und gültig formulieren könnte.

Wann wird ein Gebäude zu Architektur? 

Leider wird jeder Mist, der gebaut wird, zum Teil der Architektur. Oftmals zu schlechter Architektur, aber halt doch Architektur.

Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen? 

Mässigung – nicht im Denken, aber im Handeln. Demut – nicht als Unterwürfigkeit, aber als Bereitschaft zu Dienen. Fröhlichen Eigensinn – nicht als Sturheit, nur als Eigenwilligkeit. Zuneigung den Menschen und der physischen Welt gegenüber.

Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?

Leider keine besonders gute. Welche er erfüllen sollte, ist eine andere Sache. Doch diese gesellschaftliche Relevanz müssen wir uns erstmal wieder erarbeiten. Was schwierig ist, solange die Diskrepanz zwischen unseren architektonischen Phantasien und den Bedürfnissen und Sehnsüchten der Gesellschaft so gross ist, wie sie zur Zeit ist. Wie etwa das Theater, das in weiten Teilen eine elitäre Veranstaltung für ein gebildetes Publikum geworden ist, hat die gehobene Architektur ihre Relevanz seit der Moderne selbst verspielt. Wir sprechen eine Sprache, die kaum jemand mehr zu verstehen in der Lage ist. So entsteht grossartige Architektur für Architektinnen und Architekten – nicht zwingend aber für die Gesellschaft.

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen? 

Zuerst einmal sollte die Politik unser bauliches und damit kulturelles Erbe besser schützen. Der Druck auf Altbauten und die Denkmalpflege im Allgemeinen ist Moment riesig. Negativzinsen, energetische Sanierungen und das Schlagwort der inneren Verdichtung gehen dabei eine unheilige Allianz ein, die dazu führt, dass jeder Altbau, der nicht gerade geschützt ist, abgerissen werden darf und auch wird. Eine Stadt aber, die nur aus Denkmälern und Neubauten besteht, ist eine grässliche Vorstellung. Des Weiteren soll die Politik dafür sorgen, dass die Verwaltungen Baukultur als etwas Wünschenswertes erachten und dafür auch die Mittel, gerade auch für vernünftige Arbeitsbedingungen für Planer, zur Verfügung stellen. So wie die öffentliche Hand verpflichtet ist, ökologisch vorbildlich zu bauen, sollte sie verpflichtet sein, gestalterisch vorbildlich zu bauen.

Kann Architektur die Welt verbessern?

Die schlimmsten Dinge sind immer dann entstanden, wenn Architekturschaffende glaubten, den Menschen mit Architektur verbessern zu können. Deshalb würde ich gerne ein vorsichtiges „Ja, solange die Welt in ihrer physischen Erscheinung gemeint ist“ antworten.

lukasimhof.ch

Stützenfuss für einen Holzbau (links) / Formstudien Wettbewerb Schloss Rapperswil (rechts)

Instandsetzung und Umbau einer Scheune in der Ostschweiz, gegenwärtig im Bau.