Im Gespräch mit Esch Sintzel Architekten

Im Gespräch mit Esch Sintzel Architekten

„Was die Welt verschlechtert, kann nicht Architektur sein." (Esch Sintzel Architekten) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Raumkonstellationen dank schwenkbarer Küche: Microapartment für den Studien-
auftrag „Vertikale Gartenstadt“ in Zürich-Schwamendingen 2019.

Welche Aufgaben
beschäftigen Sie gerade?
Ein Heim für Sehbehinderte in der Basler Altstadt, Microapartments unmittelbar am Winterthurer Bahnhof, der Umbau eines Flaschenlagers in Wohnungen in Basel, ein Marktplatz mit Kulturraum in Flawil, eine Schulanlage in Mettmen-
stetten sowie mehrere Wohnbauvorhaben – unsere Kernkompetenz und Leibspeise!

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Die Villa Lante von Giulio Romano auf dem Gianicolo in Rom. So ein zartes, reiches, grosses, kleines Haus! Die Schnittfigur mit dem überhohen Saal ist raffiniert. Die Freiheit der Fassadengestaltung auch. Und der Blick aus der Loggia auf die Stadt ist überwältigend.

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Architektur ist an Stofflichkeit gebunden. Neue Stoffe können neue architektonische Aussagen ebenso ermöglichen wie verunklären. Damit die architektonische „Anverwandlung“ eines Materials gelingt, müssen wir insbesondere seine Grenzen kennen. Denn interessanterweise erwachsen ja die gestalterischen Potenziale eines Stoffs aus dem Widerstand, den er seiner Bearbeitung entgegensetzt.

Haben Sie eine Idee von Schönheit?
„Kaum zu bestreiten scheint mir dabei in der Tat, dass Schönheit keine Qualität der Welt oder der Werke ist, kein Bestandteil der ‚Ordnung des Wirklichen‘, sondern dass die Erfahrung des Schönen eine Beziehung zwischen Subjekt und Objekt bezeichnet.“ (aus: Hartmut Rosa, Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016.)

Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Kühnheit und Demut. Warum Kühnheit? Weil es im architektonischen Entwurf häufig weniger darum geht, die richtige Antwort auf eine gegebene Problemstellung zu finden, als vielmehr um die richtige Frage! Warum Demut? Weil die Arbeit von Architektinnen und Architekten stets im Dienst der Menschen steht.

Welche Rolle sollte heute
die Politik gegenüber der Architektur spielen?
In einer Gesellschaft, deren Kohäsion immer schwächer wird, wird alles umso wichtiger, was Zusammenhalt und Orientierung gibt. Das ist eine Verpflichtung für die Architektur als „Kunst des räumlichen In-Beziehung-Setzens“ (Fritz Neumeyer) und eine Verpflichtung für die Politik, Architektur nicht als blosse Dienstleistung zu begreifen. 

Kann Architektur die Welt verbessern?
Klar. Die Welt als Ganzes lässt sich ohnehin nicht verbessern – aber die näheren Weltausschnitte durchaus. Ganz sicher ist jedenfalls: Was die Welt verschlechtert, kann nicht Architektur sein.

 

2008 gründeten Philipp Esch (*1968) und Stephan Sintzel (*1971) ihr gemeinsames Architekturbüro in Zürich, 2018 kam Marco Rickenbacher (*1984) als dritter Partner dazu. Zusammen mit 25 Mitarbeitenden entwickeln sie Um- und Neubauprojekte in der Deutschschweiz. Philipp Esch unterrichtet am Institut für Konstruktives Entwerfen (IKE) der ZHAW Winterthur.

eschsintzel.ch