Im Gespräch mit Corinna Menn

Im Gespräch mit Corinna Menn

„Der Instinkt für einfache Ausdrucksformen geht verloren.“ (Corinna Menn) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Wir befassen uns zurzeit mit zwei Projekten, die massgeblich geprägt sind von der starken Präsenz der Natur. In einem englischen Landschaftsgarten mit historischen Bauten schreiben wir mit der punktuellen Implementierung von Wohnbauten den geschichtsträchtigen Ort fort. Nachdem die wesentlichen Züge des Projektes in einer Testplanung erarbeitet worden sind, versuchen wir das Verhältnis von Architektur und Kulturlandschaft auszuloten. Mit ähnlichen Fragestellungen, aber ganz anders gelagert bezüglich Massstab und Nutzung, bearbeiten wir ein Projekt in einer geschützten alpinen Landschaft.

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Im Rahmen eines Preises für junge Architektinnen und Architekten durfte ich kürzlich verschiedene Bauten besichtigen. Mir sind inspirierend frische Ansätze begegnet – dazu darf ich aber nichts weiter verraten.
Immer wieder fasziniert bin ich von vernakulären Dorfstrukturen, jüngst in Riein, wo wir bauberatend tätig sind: die Selbstverständlichkeit der Beziehung der Baustruktur zur Landschaft, die räumliche Qualität innerhalb des dichten Gefüges von Wohn- und Nutzbauten in der steilen Topografie. Es beschäftigt mich, dass der Instinkt für diese einfachen Strukturen und Ausdrucksformen verloren geht. Wir versuchen uns zu engagieren, diese Werte zu vermitteln, das Kulturgut zu erhalten und Wege einer behutsamen Erneuerung im Dialog mit Behörden und Eigentümern zu finden.
Beeindruckt hat mich zudem die Halle der Stadtpolizei Zürich mit den Deckenmalereien von Augusto Giacometti. Ein grossartiges Lehrstück, wie sehr eine „Schicht“ von Farbe, Form und Textur einen erhabenen Raum schaffen kann.

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Mich interessiert das Grundlegende in der Architektur, weshalb ich auch in Bezug auf die Materialität architektonische Qualität in bewährten Materialien und ihrer konstruktiven Logik suche. Technische Innovation verlagert oft Probleme und erfordert weitere technische Lösungen.
Bei den Mehrfamilienhäusern an der Calandastrasse in Chur waren die mächtigen Wohnbauten des Quartiers der vorletzten Jahrhundertwende eine Referenz in Bezug auf den Wert der Materialität. Das gewählte monolithische Einsteinmauerwerk funktioniert bauphysikalisch durch seine Diffusionsoffenheit ähnlich den traditionellen Massivbauten. Dieser Systementscheid verlangte einen mineralischen Putz, womit schliesslich die Wertigkeit der Materialität im Quartier erhalten werden konnte.
Trotz der geäusserten Skepsis bin ich an materialtechnologischen Entwicklungen interessiert, befasse mich aber mit einem Material immer im Zusammenhang einer architektonisch konstruktiven Idee – also das Material als Teil eines Ganzen, nicht um des Materials willen. Z.B. reizt es mich, die Wechselwirkung von Fotovoltaikzellen und Raum, Form, Ausdruck und Energiehaushalt zu erproben – nicht nur als Applikation, sondern als Teil eines sinnhaften Systems.

Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Die Kulturgeschichte zeigt uns eine sich stetig wandelnde Vorstellung von Schönheit. Insofern ist sie nicht eine messbare Grösse. Was eine Epoche beängstigte, inspirierte die nächste, wie z.B. die Rezeptionsgeschichte der Alpen zeigt. Was als „schön“ empfunden wird, ist sehr subjektiv und ambivalent, es muss auch nicht mit Harmonie gleichgesetzt werden.
Und doch glaube ich, dass es eine universale Form von Schönheit gibt, unabhängig von Kultur und Zeit. Sie kann vielleicht als eine Ganzheit charakterisiert werden, in der vielmehr die Sinneserfahrung der Idee als jene der Objekte massgebend ist. Vielleicht sind dies spirituelle Räume, Räume, die weitgehend von einer Funktion gelöst sind, wo eine Unmittelbarkeit zwischen Raum und Mensch besteht.

Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Es geht um ein Konstrukt von Einheit in ideeller und materieller Form. Dies können geplante Bauten genauso wie vernakuläre Architekturen sein. Sobald verschiedene Parameter, die Architektur formen, nicht mehr sinnhaft konvergieren, entsteht Gebautes, das keine Aussage zu machen vermag.

Welche Tugenden sollte ein Architekt oder eine Architektin erfüllen?
Die Architektur ist ein langwieriger Prozess, der Geduld, Ausdauer und Hartnäckigkeit fordert, gleichsam mit steter kritischer Reflexion. Die gesellschaftlich- kulturelle Dimension und Verantwortung unserer Profession verlangt Unabhängigkeit, um Dinge und Prozesse neu zu denken. Gleichermassen ist dafür die Interdisziplinarität und Kommunikationsfähigkeit essenziell.

Welche Rolle spielen die Architektin und der Architekt in der Gesellschaft?
Ich sehe mich als Generalistin, die den roten Faden vom Grossmassstäblichen bis zur Umsetzung spinnen möchte. Diese Position gilt es zu verteidigen, möchten wir die gesellschaftliche Relevanz der Disziplin nicht verlieren. Agilität und Kooperationsfähigkeit sind dafür gefragt. Beispielsweise bin ich der Meinung, dass Architektinnen und Architekten in raumplanerische Prozesse eingebunden werden sollten, denn dort geht es um Schlüsselentscheide unserer Siedlungsentwicklung, die nicht von architektonischen Fragen getrennt werden können. Meine Erfahrung der Vielfalt an Problemstellungen im alpinen Siedlungsraum in Graubünden mit seinen starken Strukturdifferenzen zeigt, dass Potenziale oft in Nischen, im Verborgenen liegen. Lösungen lassen sich nicht über einen Kamm scheren.

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
In Ergänzung zu Leuchtturmprojekten muss die Relevanz der Architektur an der Basis erkannt und gefördert werden. In urbanen Zentren ist das Bewusstsein für das Potenzial und den Kulturwandel weiter entwickelt als in Subzentren wie z.B. Chur, wo die Erkenntnis noch weit entfernt scheint, dass das Einfordern von architektonischer Qualität und entsprechende Konkurrenzverfahren – auch für private Investoren – schliesslich Mehrwerte für alle schaffen.

Kann Architektur die Welt verbessern?
Ja, im oben erwähnten Sinne.

 

Das Architekturbüro von Corinna Menn befasst sich mit einem vielfältigen Spektrum an Aufgabenstellungen, in Bezug auf den Ort, die Nutzungen und Massstäbe. Öffentliche wie private Aufträge entstehen zum grossen Teil auf Basis von Wettbewerben. Dieser Weg widerspiegelt das Grundverständnis des Entwerfens als immer wieder neu angelegte Recherche und spezifische Interpretation der Rahmenbedingungen.
Corinna Menn studierte an der ETH Zürich und der Graduate School of Design in Harvard. Neben der
praktischen Tätigkeit als Architektin nimmt sie verschiedene beratende Aufgaben wahr und ist zeitweise
in der Lehre tätig.

corinnamenn.ch