Im Gespräch mit bernath + widmer

Im Gespräch mit bernath + widmer

„Es gibt kein Rezept für Schönheit.“ (bernath + widmer) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Das Thema Farbe für den Neubau eines Schwimmbadkiosks in Winterthur und die Auseinandersetzung mit alten, heute ungebräuchlichen Techniken und Materialien bei der Instandsetzung des Kinderhauses Entlisberg in Zürich. Auch beschäftigt uns permanent, wie wir die immer aufwendigeren Schichtaufbauten vereinfachen können, indem wir Materialien spezifisch einsetzen, um zusätzliche Schichten, Anstriche oder Fugen weglassen zu können.

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
La Grange au Lac in Evian von Patrick Bouchain: ein scheunenhaftes Gebäude aus Holz, das dennoch opulente Raumstimmungen vermittelt. Oder – sprechen wir allgemein über Bauten – die Suonen im Wallis als gewaltige Infrastrukturen, wie sie in der Schweiz Tradition haben. Auch die Akropolis und die Steinbrüche in Malta haben uns übrigens begeistert.

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Weder noch. Es gibt für uns aber auf alle Fälle ansprechende und weniger ansprechende Materialien, insbesondere bei den jüngeren Materialgenerationen. Wir beschäftigen uns immer mit der spezifischen Anwendung im Sinne des Materials in der Architektur und freuen uns über Innovationen, insbesondere auch altbekannter Materialien wie Buchenholz. Wir haben aber ein Problem damit, wenn Materialien falsch verwendet werden und sie beispielsweise ein anderes, meist edleres Material imitieren. Das Material, seine adäquate Verwendung in der Konstruktion und das Handwerk stehen für uns fast immer im Zentrum.

Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Schönheit ist etwas, das berührt, Freude macht, anspricht, in verschiedenen Situationen, häufig auch unerwartet im Rauen, Herben, Direkten. Dabei muss man bereit sein, sie zu entdecken. Die Natur steckt voller Schönheit. Orte und Bauten, die in Einklang mit der Natur stehen, sind schön. Viele Dörfer und periphere Stadtgebiete in der Schweiz haben leider etwas von dieser Schönheit verloren. Schönheit taucht auf jeden Fall an vielen Orten auf, auch im Alltag. Es gibt aber kein Rezept für sie. Bei unserer Arbeit versuchen wir natürlich immer, unseren Beitrag zur Schönheit zu leisten.

Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Wenn es gebaut ist. Alles Gebaute ist Architektur.

Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Architekten sollten sich nicht zu ernst nehmen. Sie sollten aber eine Haltung vermitteln und sich nicht verkaufen, sondern sich treu bleiben. Architekten sollten sich dessen bewusst sein, dass sie immer im öffentlichen Raum bauen, für die Mitmenschen und niemals nur für sich selbst.

Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Architekten sind durch ihre sichtbare Arbeit omnipräsent. Politisch gesehen sind Architekten heute jedoch kaum eine Grösse. Alleine spielen sie an einem Ort nur eine marginale Rolle. Das Umfangreichste, was Architekten in der Schweiz heute bearbeiten, sind grosse Einzelprojekte, kaum noch planerisch übergeordnete Projekte. Die Politik, Investoren und die Wirtschaft haben heute gesellschaftlich mehr Gewicht. Auch verglichen mit anderen technischen Innovationen spielt Architektur eine eher bescheidene Rolle.

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Die Wirtschaft formt die Raumplanung, Architektur, aber auch die Politik massgeblich. Mehr Grossprojekte – auch diejenigen von Investoren – sollten ab einem gewissen Umfang einem Wettbewerbszwang unterstehen. Wir wünschten uns von der Politik auch, dass raumplanerisch weiter gedacht würde, statt in starkem Masse wirtschaftlichen Zwängen und Ängsten nachzurennen. Wir wissen aber auch, dass diese Wünsche etwas naiv sind.

Kann Architektur die Welt verbessern?
Nein, nicht direkt. Aber sie kann die Welt partiell erträglicher machen und schöne Orte schaffen, die den Menschen und der Gesellschaft etwas geben, und auf diese Weise ihren Beitrag zu einer besseren Welt leisten. Unsere Berechnungen haben ergeben, dass der Anteil der Architektur dabei zwischen 2,2 und 2,3 % liegt. Architektur hat ein grosses Potenzial, unsere Lebensräume zu verbessern und damit zu einer höheren Lebensqualität beizutragen. Die aktuellen Probleme auf der Welt sind aber entscheidender und werden vorher angegangen. Architektur spielt nur eine marginale Rolle. Trotzdem: Wo gebaut wird, sollte dies mit so hoher Qualität wie möglich gemacht werden.

 

Das Architekturbüro „bernath + widmer“ wurde 2007 in Zürich gegründet. Daneben ist Roland Bernath (links) als Architekturfotograf und Benjamin Widmer (rechts) als Dozent an der ZHAW tätig.

bernathwidmer.ch