Die Siedler

Die Siedler

Die Wohnsiedlung Halen ist ein Meilenstein der Schweizer Architektur. In Herrenschwanden bei Bern hat das Atelier 5 die Tendenzen einer spätmodernen Avantgarde mit der regionalen Bautradition der Hofhäuser vereinigt. Im November 1961 waren die Arbeiten daran fertiggestellt. Es entstand eine bis dahin unbekannte Form der Nachbarschaft, auch bezüglich ihrer juristischen Definition. Nach etwas mehr als 50 Jahren schätzen die Bewohner noch immer die fein austarierte Balance zwischen Individualität und Gemeinschaft – und doch: Sind die Siedlung und ihre Bewohnerschaft so innig miteinander verbunden wie zu Beginn? Was lässt sich heute davon lernen? Und eignen sich die Konzepte der Siedlung für die Fragen der heutigen Zeit?

Engagement für Alle

Gemeinschaft steht im Mittelpunkt der Siedlung Halen. Diese ist gesteuert durch eine fein austarierte Abgrenzung von Gemeinschaft und Individuum. Man kann sich treffen, zusammen etwas ausarbeiten – sich aber auch in den privaten Raum zurückziehen. Das Modell, das dieser Gemeinschaft zugrunde liegt, ist das Zusammenleben im Zisterzienserkloster. Auf diese Typologie berief sich auch Le Corbusier in seiner Arbeit. Es gibt den sozialen Raum, in dem die Gemeinschaft gelebt wird, und das private Umfeld, in dem das Individuum sich entwickeln kann. Die Gemeinschaft lebt vom Engagement des Einzelnen. In den ersten Jahrzehnten war dieser Einsatz sehr ausgeprägt: Man feierte gemeinsam Feste, im Sommer luden sich die Familien gegenseitig ein, man sass im gemeinschaftlichen Restaurant am Dorfplatz, es war einfach, Freiwillige für die Arbeit im Vorstand zu finden. Über die Jahre hat dieser gemeinschaftliche Impetus nachgelassen. Viel mehr als bei den ersten Generationen ist momentan der Rückzug ins Private wahrzunehmen. Im Vorstand stehen immer wieder die gleichen Personen zur Wahl. Ein weiteres Indiz ist das jährlich stattfindende Halenfest. Früher dauerte es bis um fünf Uhr in der Früh, in den letzten Jahren war es meist schon um zwei Uhr fertig. Die Begeisterung für die Siedlung und das Zusammenleben hingegen ist nicht wesentlich geschrumpft. Wer in Halen wohnt, hat sich lange dafür eingesetzt. Die Häuser sind äusserst selten auf dem Markt – im Gespräch erzählen alle Beteiligten von der Geduld und dem Glück, dessen es bedurfte, bis sie Teil der Gemeinschaft werden konnten. Und auch wenn das persönliche Engagement kleiner geworden ist, so liegt es an der schieren Grösse von Halen, dass die Gemeinschaft funktioniert. Der Laden wird immer noch betrieben, im Lokal gleich daneben lernen Flüchtlinge Deutsch von Freiwilligen. Wer sich nach der Pensionierung für die Gemeinschaft engagieren möchte, findet im Vorstand eine sinnvolle Möglichkeit zur Betätigung. Und wer keine Energie mehr hat oder wem die Gesundheit im Wege steht, der kann die Arbeit anderen übergeben. Mit dem Generationenwechsel übernehmen andere Leute das Lead in der Gemeinschaft – es gibt kaum Alternativen zum Engagement, das den Statuten eingeschrieben ist.

Teilen und besitzen

Komplizierte Verträge und Abmachungen regeln das Zusammenleben in Halen. Im Grundbuch äussern sich diese in zahlreichen Dienstbarkeiten, im Alltag in den Statuen des Vereins. Wer hier ein Haus ersteht, muss zunächst diesen Statuten zustimmen. Mit dem Kauf erwirbt man automatisch auch ein Vierundachtzigstel des gemeinschaftlichen Besitzes. Dafür kann man das gemeinsame Schwimmbad nutzen und darf über den umliegenden Wald mit entscheiden. Die Organisation in Halen lässt sich als freiwillige Zwangsgemeinschaft beschreiben. Dass diese Gemeinschaft so reibungslos ihre Entscheidungen fällen kann, liegt auch im fein austarierten Verhältnis zwischen der Privatsphäre und dem gemeinschaftlichen Raum trotz der namhaften Dichte. Dies ist einer der eindrücklichsten baulichen Aspekte. Die Höfe vor den Eingängen erlauben es, den Status gegenüber der Gemeinschaft jeden Tag wieder neu zu definieren. Dafür sorgen subtile, nicht geschriebene Regeln: Wenn die äussere Tür offen steht, sind die Bewohnerinnen und Bewohner einem Besuch nicht abgeneigt. Ist sie hingegen geschlossen, sollte man sie für diesen Tag allein lassen. Die restlichen Aussenräume weisen ohnehin einen hohen Grad an Privatheit auf. Einzig in den Garten haben die Nachbarn Einsicht – die Balkone und die Dachterrasse hingegen bleiben vor neugierigen Blicken geschützt. Diese Privatsphäre innerhalb der Gemeinschaft erlaubt es, Distanz zu wahren. Und wenn sonst Streitigkeiten unter Nachbarn oft die Gerichte beschäftigen, hat in Halen noch nie ein Konflikt zu einer juristischen Auseinandersetzung zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern geführt. Das Schmiermittel dieser Gemeinschaft sind Pragmatismus und der gesunde Menschenverstand. Die Basis dafür ist das gemeinsame Gespräch. Dies prägt auch Fragen der Kostenteilung. Wenn zum Beispiel eine Wasserleitung an der Grenze zwischen privatem und gemeinsamem Eigentum lecktschlägt, stellt sich sofort die Frage nach der Kostenbeteiligung. Laut Aussage des aktuellen Präsidenten geht es bei den Versammlungen manchmal her wie auf einem orientalischen Basar. Im Gespräch die Ansprüche des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft abzuwägen, hat sich bisher bewährt – und eine Änderung der Statuten müsste ohnehin einstimmig gefällt werden.

Die Vielfalt der Wohntypen und ihre präzise Einbettung in die bestehende Topografie machen die Einzigartigkeit der Siedlung aus. Trotz ihrer hohen Dichte ist die Qualität der Aussenräume ausserordentlich. Das Zusammenspiel von Grundriss und Schnitt macht den Reiz aus.

Demografie und Durchmischung

Nicht nur räumliche Visionen standen Pate beim Entwurf der Siedlung. Ihr ist auch eine soziale Vision eingeschrieben. Um diese Mischung zu erreichen, bewegte sich der Preis einer Wohneinheit im Rahmen eines Arbeiterhauses: Die soziale Durchmischung der Stadt sollte auch die Siedlung Halen prägen. Und doch ist die soziokulturelle Zusammensetzung der Bewohnerschaft erstaunlich homogen geblieben: gut ausgebildet und politisch eher links der Mitte angesiedelt. Was sie zusätzlich verband, waren die Kinder. Oft gab der Nachwuchs den Ausschlag, in die Siedlung nach Herrenschwanden zu ziehen, und so bildeten zunächst junge Familien mit Kindern den grössten Anteil. Die grosse Schar der Siedlungskinder hat sich oft selbst sozialisiert, Brücken und Freundschaften quer über die Siedlung hinweg geschlagen und für den Zusammenhalt gesorgt. Mittlerweile sind schon zwei Generationen in Halen aufgewachsen, und es leben – nach einer zwischenzeitlichen Baisse – wieder mehr Familien mit Kindern in Halen. Wer hier seine Kindheit verbracht hatte, findet später oft selbst den Weg wieder zurück. Und doch sind die Einwohnerinnen und Einwohner tendenziell älter geworden. Dies kann man als problematische Entwicklung betrachten – doch gleichzeitig ist dies auch eine Errungenschaft des gemeinschaftlichen Lebens. Denn es bedeutet, dass man in Halen auch alt werden kann. Die Umgebung lässt dies zu, die Gemeinschaft kümmert sich um ihre Mitglieder. Sie übernimmt Besorgungen im Alltag und hilft bei kleineren Arbeiten. So lässt sich der Auszug in eine Alterswohnung oder in ein Heim länger hinauszögern.

Bauliche Erneuerungen

Nach etwas mehr als einem halben Jahrhundert stehen diverse Arbeiten an der Siedlung an: Die Dächer müssen dicht gehalten werden, eine Dämmung nach aktuellen Vorstellungen und Vorschriften ist wünschenswert, der Sichtbeton benötigt Pflege und Ausbesserungsarbeiten. Typisch für die Bauten aus den 1960er-Jahren waren auch eine kaum vorhandene Dämmung und die feinen Profile der Türen und Fenster. Der Unterhalt der gemeinschaftlichen Bereiche lässt sich einfach organisieren. Der Vorstand evaluiert die Bedürfnisse und lässt die Projekte ausarbeiten. An den Versammlungen stimmt der Verein über die Umsetzung dieser Projekte ab. So wurden bereits wesentliche Teile instand gestellt wie Einstellhalle, Schwimmbad oder Heizung. Vor einigen Jahren hat ein Hangrutsch einen grossen Schaden an den Gärten angerichtet. Die Analyse ergab, dass Wasser aus dem System der Siedlung in den Boden gelangt war und dadurch. Die Kanalisation musste zwingend instand gestellt werden. Doch wenn es um die Schnittstelle zwischen Gemeingut und privatem Eigentum geht, dann wird die Sachlage komplizierter, denn es spielen die jeweiligen finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Haushalte hinein. Wenn zum Beispiel das Dach saniert werden muss, kann dies wegen der geschlossenen Bauweise nur in einer ganzen Reihe erfolgen. Wer die Hypothek ausgereizt hat, kann sich dies aber nicht so einfach leisten – der finanzielle Engpass einer einzigen Partei blockiert unter Umständen den Erneuerungsprozess. Aufgrund der komplexen Lage lassen sich die baulichen Aufgaben deshalb nicht über die gesamte Siedlung koordinieren, sondern nur im Rahmen der einzelnen Reihe, in total fünf einzelnen Baukommissionen. Zudem ist die Siedlung seit 2003 – nicht ohne heftige Vorbehalte – im Inventar der Denkmalpflege aufgeführt. Damit spitzte sich das Verhältnis zwischen gemeinschaftlichem und privatem Eigentum weiter zu: Es mischen sich nun noch mehr Stimmen in die Entscheidungen ein. Um die Diskussion zu vereinfachen, liess der Verein von Atelier 5 eine Studie zur baulichen Erneuerung erstellen, die als Empfehlung für alle Arbeiten dienen soll. Sie erleichtert die Bewilligung von Projekten und erhöht die Planungssicherheit – aber sie ersetzt nicht das Baugesuch.

Text: Marko Sauer

Bilder: Daniel Ammann

In der Siedlung gibt es genug Möglichkeiten, die eigenen Interessen auszuleben. In Absprache mit der Gemeinschaft wurde die Fläche südlich der untersten Reihe für Schrebergärten zur Verfügung gestellt.