Aus Alt mach nicht Neu

Aus Alt mach nicht Neu

Am 13. Januar übergaben Moka Architekten und Losinger Marazzi der Bauherrin AXA den Schlüssel zu ihrem frisch sanierten Bürogebäude an der Römerstrasse 17 in Winterthur. Ganz im Sinne des ursprünglichen Entwurfs erhielt die Versicherungsgesellschaft statt eines funkelnden Neubaus ihr ursprüngliches Gebäude mit den alten Wandschränken, patinierten Türen und originalen Natursteinböden zurück. Nicht nur im Gebäudeinneren wurde versucht, möglichst viel der vorhandenen Bausubstanz in die Gegenwart zu retten – gross muss das Erstaunen gewesen sein, als hinter den Baugerüsten wieder die ursprünglichen Fassadenplatten aus Gussaluminium hervorkamen. 

Selbst wenn es draussen stürmt und schneit: Der Treppenraum wird dank des lichtstarken und dimmbaren LED-Rings zum Lichtbrunnen. Dieser simuliert den natürlichen Tageslichtverlauf.

Das Bürogebäude der AXA, das sein Gesicht während des Umbaus hinter Baugerüsten versteckt gehalten hatte, lässt die Hüllen fallen. Wer von der Sanierung ein neues Kleid erwartet hatte, wundert sich: Statt in einer frischen Fassade erscheint das Gebäude aus den 1960er-Jahren genau wie vorher, ganz in seinem alten Charme. Wie eine alte Dame, deren Gesicht vom Leben gezeichnet ist, erzählt der Gesichtsausdruck des Bürogebäudes von vergangenen Zeiten. Bauhistorisch und denkmalpflegerisch betrachtet, ist es ein Glück, dass die Fassadenplatten aus Gussaluminium nicht des Geldes und Aufwands wegen neuen Elementen weichen mussten, sondern noch viele weitere Jahre an die Entstehungszeit des Gebäudes erinnern. Die Platten stammen von der Firma Georg Fischer aus Schaffhausen und waren damals der neueste Trend.

Was an der Fassade vorgezeigt wird, findet im Inneren seine kongruente Weiterführung. Das Sanierungskonzept von Moka Architekten und Losinger Marazzi sah vor, bestehende Materialien und Strukturen wiederzuverwenden und der vorhandenen Architektur ein zweites Leben zu geben. Im Eingangsbereich begrüssen den Gast deshalb dieselben Bodenplatten aus Tessiner Granit, die seit ihrer Verlegung im Jahr 1963 am selben Ort liegen und sich im Wandel der Zeit als beständig erwiesen. Auch die schwarzen Schieferplatten an den Wänden, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gebäude ziehen, gehören zum Urbestand der Versicherungsgesellschaft.

Ein Hauptanliegen bei der Restauration war die Neudisposition der Büroräume, denn mit der Änderung der Geschäftsstrukturen wandeln sich ebenfalls die Anforderungen an den Arbeitsplatz. Während zur Entstehungszeit des Bürogebäudes eine kleinteilige Struktur mit vielen einzelnen Arbeitsplätzen gefragt war, wünscht man heute offene Räume, die die Kommunikation fördern, den Austausch begünstigen und flexiblere Arbeitsmodelle zulassen. Der den Gestaltungskonzepten der Moderne entsprechend gewählte „Plan Libre” mit der Trennung von tragenden und nicht tragenden Bauteilen erleichterte die Verwandlung von der kleinteiligen Zellenstruktur zu einer offenen Arbeitslandschaft. 

In den oberen Geschossen erinnern besonders die Wandschränke aus Ulmenholz, die die Erschliessungszone säumen, an den ursprünglichen Ausdruck des Gebäudes. Mit viel Aufwand wurden die Schreinerarbeiten systematisch beschriftet, inventarisiert und eingelagert. Nach der Erfassung in einem Katalog fanden die Bauteile im Originalzustand ihren neuen Platz: Der mit Nebenräumen bespielte Gebäudekern ist heute als „Möbel“ inszeniert und mit den alten Schreinerarbeiten frisch verkleidet. Nur wo notwendig ergänzen neue Schreinerarbeiten den Bestand, beispielsweise bei den Schliessfächern oder in den Garderobebereichen. Dass die Holzfurniere Gebrauchsspuren und aufgrund ihres unterschiedlichen Alters andersartige Farbtöne aufweisen, ist Teil des gestalterischen Konzepts.

Mit dem Erhalt der ursprünglichen Materialien leistete die Bauherrin AXA nicht nur einen Beitrag zum Denkmalschutz, sondern auch zur Umwelt. Die Menge der Bauabfälle ist verheerend: Etwa 80% der jährlich anfallenden Abfälle der Schweiz stammen von der Baustelle. Doch wie in anderen Lebensbereichen halten ressourcenschonende Lösungen und nachhaltige Konzepte auch in der Baubranche Einzug. Losinger Marazzi machte bereits Erfahrungen im ressourcenschonenden Bauen: Für ihr Projekt Greencity in Zürich-Süd verwendete die Totalunternehmerin 75% rezyklierten Beton. Dieser ist genauso wirtschaftlich wie konventioneller Beton, insbesondere wenn Abbruch und Betonherstellung vor Ort erfolgen. Doch für die Sanierung der AXA war die direkte Wiederverwendung interessanter als das Rezyklieren. Im Rezyklierungsprozess muss nämlich eine grosse Menge an Energie aufgewendet werden, um Weggeworfenes mechanisch oder thermisch zu zersetzen. Bei der Wiederverwendung hingegen behalten Baumaterialien und Elemente ihre Funktion und ihre Form – der Anteil an grauer Energie ist bedeutend geringer. Der Erhalt der Wandschränke, Verkleidungen, Bodenplatten und Brandschutzelemente des Bürogebäudes trug nicht nur dazu bei, dessen ursprünglichen Charakter zu erhalten, sondern leistete ebenfalls einen bedeutsamen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft. Noch gibt es kein Gebäude, dessen Elemente zu 100% wiederverwendet werden, doch die Sanierung des Bürogebäudes an der Römerstrasse 17 in Winterthur zeigt vor, wie der Weg dorthin aussehen könnte.

Während sich die Architektinnen und Architekten des letzten Jahrhunderts in der Euphorie des Wirtschaftsaufschwungs mit Neubauten und grossen Siedlungsentwicklungen beschäftigten, ist es die Aufgabe dieser Generation, zu sanieren und zu erhalten. Natürlich gehören auch heute Neubauten zu den Planungsaufgaben, doch es gibt immer mehr Gebäude, die es zu erhalten, umzubauen und auf neue Nutzungen auszulegen gilt. Beispiele wie die Sanierung des Bürogebäudes der AXA zeigen eine mögliche Lösung dieser jungen Problemstellung. Das Bewusstsein von Moka Architekten und Losinger Marazzi für den Wert der vor 60 Jahren verbauten Materialien – sowohl architektonisch als auch ökologisch und energetisch – verhilft dem Gebäude zu einem längeren Leben, schont die Umwelt und verleiht dem Gebäude ein „Gesicht“, das weiterhin Geschichten erzählt. Gründe genug, um das Alte alt zu lassen und nur punktuell und ganz gezielt zu erneuern oder zu ergänzen.

Mit dem Erhalt der noch intakten Bausubstanz trugen die Baubeteiligten nicht nur massgeblich zur Denkmalpflege bei. Sie versuchten die Menge an Bauabfällen möglichst gering zu halten, um die Umwelt nicht unnötig zu belasten.

Die Milchglaswände, die die Wendeltreppe vor der Sanierung noch umgaben, verschwanden ganz. Stattdessen ist das „Herzstück“ heute freigespielt und durch das Oberlicht inszeniert.

Die ursprüngliche kleinteilige Zellenstruktur wich einer offenen Arbeitslandschaft, die den Austausch begünstigt: Der Wandel der Geschäftsstrukturen zeigt im Bürogebäude räumliche Auswirkungen.

Räumlich und akustisch abgetrennte Einzelbüros, Sitzungszimmer, Teeküchen und „Breakout Rooms“ für Workshops unterteilen den allgemeinen offenen Arbeitsraum.